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FAUNA

DER

KIELER BUCHT

H. A. MEYER ım K. MÖBIUS

IN HAMBURG.

ERSTER BAND:

DIE HINTERKIEMER oper OPISTHOBRANCHIA.

LEIPZIG, VERLAG VON WILHELM ENGELMANN.

1865.

DIE

HINTERKIENER OPISTHOBRANCHIA

BIEELEER BUCHT

VON

H. A. MEYER ı» K. MÖBIUS

IN HAMBURG.

MIT 26 TAFELN.

LEIPZIG,

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN.

1865.

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Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

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REKTOR UND SENAT

DER

CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSITÄT

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IHRES

SEGENSREICHEN UND RUHMVOLLEN

ZWEIHUNDERTJÄHRIGEN BESTEHENS UND WIRKENS

AM FÜNFTEN OKTOBER EINTAUSEND ACHTHUNDERT FÜNFUNDSECHZIG

EHRERBIETIGST DARGEBRACHT

VON

DEN VERFASSERN.

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VORWORT.

Die Erforschung der Fauna einer kleinen Bucht, die überdem einem an Thier- formen armen Meere angehört, mag Manchem als eine undankbare Arbeit erscheinen. Anfangs waren wir selbst zweifelhaft, ob es nicht besser sei, die wenige Zeit, welche unser Beruf uns übrig lässt, auf anatomische und embryologische Untersuchungen der reicheren Nordseefauna zu verwenden, als bereits aus andern Meeren bekannte Thiere von Neuem ausführlich zu beschreiben und umständlich abzubilden. Allein je weiter unsere Untersuchungen der Kieler Bucht fortschritten, je deutlicher zeigten sie, dass die Lösung der uns vorschwebenden Aufgabe nicht nur in einem beschränkten Kreise wissenschaftlichen Nutzen stiften, sondern auch zu wichtigen allgemeinen Ergebnissen führen könnte.

In der Thiergeographie haben die reich belebten Gegenden keinen höheren Werth, als die spärlich bewohnten; ja gerade aus der Vergleichnng beider, sowohl ihrer 'Thiere, wie auch der äussern Bedingungen, unter denen sie leben, entspringt erst die Erkennung der Verbreitungsgesetze, welche diese Wissenschaft als ihr letztes Ziel sucht. Und gerade für diesen höheren Gesichtspunkt ist die Kieler Bucht, wie jeder eingeschränkte Theil der Ostsee, eines Meeres, dessen physikalische Eigenschaften von denen des freien Ozeans weit abweichen, ein sehr geeignetes Gebiet, da sich die Lebensbedingungen der Thiere eines kleinen Busens leichter erforschen lassen, als die Einflüsse eines weiten Meeres.

Und sollte es möglich sein, die wahren Ursachen der Abweichungen, mit wel- chen sich Thiere einer Art in verschiedenen Gegenden ausbilden, klar zu enthüllen, so gehören gewiss ausführliche Lokalfaunen, verbunden mit gründlicher Erforschung der physikalischen Verhältnisse ihres Gebietes, zu den wichtigsten Mitteln, dieses Ziel zu erreichen. Dazu ist freilich erforderlich, dass Faunisten längerer Küstenstrecken die mit örtlichen Verschiedenheiten zugleich eintretenden Abweichungen ihrer Thiere

genau verzeichnen und dass lebenswahre Abbildungen angefertigt werden, besonders

VII VORWORT.

von solchen Thieren, deren Lebensformen und -Farben durch Konservationsmittel nicht erhalten werden können.

Fast alle andern europäischen Meeresfaunen sind besser untersucht, als die Ost- seefauna. Die deutschen Zoologen selbst haben über Thiere fremder Küsten zahlrei- chere Abhandlungen und umfassendere Werke geschrieben, als über die Bewohner ihrer eignen Meere. Mögen auch freundlichere Gestade und ein reicheres Leben die Meisten immer wieder auf einige Zeit nach dem Süden ziehen: uns fordert die Lage unseres Wohnplatzes in der Nähe der heimischen Meere zu andauernder Untersuchung unsrer eignen Seethiere auf.

Unsere Beobachtungen in der Kieler Bucht fingen 1859 an und wurden seitdem ununterbrochen fortgesetzt. Indem wir so alle Jahreszeiten hindurch das Erscheinen, Wachsen, Wandern und Verschwinden unsrer Thiere verfolgen, sammeln wir Kennt- nisse über ihren ganzen Lebenslauf, von dem sich freilich erst nach vieljährigen Beobachtungen ein umfassendes Bild wird entwerfen lassen.

Die Bearbeitung der grössten Anzahl unsrer Hinterkiemer, nämlich der Gymno- branchien, welche unter allen Thieren der Kieler Bucht zuerst unsere Aufmerksamkeit länger fesselten, hat uns das inhaltreiche und prachtvoll ausgestattete Werk: 4 Mono- graph of the British Nudibranchiate Mollusca by Alder and Hancock sehr erleichtert. Wir würden uns sehr freuen, wenn es unserm Bemühen, diesem Vorbild nachzustreben, gelungen sein sollte, besonders durch die mit Sorgfalt nach dem Leben ausgeführten Abbildungen unsrer Hinterkiemer, der deutschen Literatur für jenes seltene englische Werk einen zwar bescheidenen, aber doch vielleicht Manchem willkommenen Ersatz zu bieten.

Auf die Hinterkiemer beabsichtigen wir zunächst die Bearbeitung der Vorder- kiemer und Muscheln folgen zu lassen.

Mit innigem Danke haben wir es anzuerkennen, dass unsere Untersuchungen durch ermuthigende Theilnabme und freundliche Unterstützung gefördert worden sind, insbesondere durch die Herren Professoren BEHux, HENsEN und Karsten in Kiel, Dr. Bort in Neubrandenburg, Dr. JESsSEX in Eldena und Medizinalrath METTENHEIMER

in Schwerin.

ENTE M:

EINLEITUNG.

Il. Geographische und physikalische Eigenschaften der Kieler Bucht.

Geographische Lage. Ausdehnung. Tiefe. Grund. Salzgehalt. Wärmeverhältnise . . S. I— X II. Beschaffenheit des Bodens und Vertheilung der Thiere. Vorherrschende Pflanzen. Regionen der Thiere. Künstliche Ansiedelungsstätten . . . - X— XVll III. Das Fischen und Sammeln De a ee rang -— XVI—XVIl IV. Vergleichung der Fauna des Kieler Busens mit Faunen anderer Meeresgegenden ER = KR] V. Von den Hinterkiemern im Allgemeinen. Stufenfolge. Zunge. Laichzeit. Farben-, Form- und Grössenverschiedenheiten. Ver- setzung in Nordseewasser XXII— XXX ra Y BESCHREIBUNGEN DER HINTERKIEMER. I. Ordnung: Gymnobranchia . . .S. 3-76 | 4. Familie: Dorididae. 1. Familie: Pontolimaeidae. Polycera ocellata . . » 2... .8.49—54 Bonteolimaxscapitatus. 22 2... = 3-6 Polycera quadrilineata . . . . . - 55—58 2. Familie: Elysiidae. Ancula eristata. . . 2.202020. 59—62 Slkere Sm ee, 2) Doris pilosa. . U nr. 6368 3. Familie: Aeolididae. Dorisproximar, 2 ra 69 72 Embletonia Marie . . . . . -— 13—16 | Dorismuricatar 2 Er rere 7316 Embletonia pallida . . . . . . - 17-20 | 2. Ordnung: Pomatobranchia . . . - 77—89 Neo Stalbae ee en A| 1. Familie: Philinidae. Aeolis Drummondü . . . 2... -28—28 | Bhiline apertar.. . Pur 80 Keolis papillosa . . . . 2... 29—34 2. Familie: Bullidae. Aeolis exigua . . . . a En 1 zu Acera bullata . . 2. 2.202020. 8186 Aeolis rufibranchialis. . 220. = 89—42 3. Familie: Cylichnidae.

Dendronotus arborescens . 2. - 1318 Gylichnatruneata. . Reree 87 89

TAFELN.

Karte der Kieler Bucht RN IE A Graphische Darstellung der Temperatur des Kieler Hafens .

Abbildungen der Thiere.

Pontolimax capitatus . Elysia viridis Embletonia Mariae Embletonia pallida Aeolis alba .

Aeolis Drummondii Aeolis papillosa Aeolis exigua

Aeolis rufibranchialis . Dendronotus arborescens. Polycera ocellata Polycera quadrilineata Ancula cristata .

Doris pilosa

Doris proxima . Doris muricata . Philine aperta

Acera bullata Cylichna truncata .

Abbildungen der Mundtheile

von Pontolimax capitatus Elysia viridis Embletonia Mariae Embletonia pallida . Aeolis alba Aeolis Drummondii Aeolis papillosa . Aeolis exigua Aeolis rufibranchialis Dendronotus arborescens Polycera ocellata Polycera quadrilineata . Ancula cristata Doris pilosa Doris proxima Doris muricata ee Philine aperta: Mundtheile und Magen Acera bullata en ea: Cylichna truncata: Magenbewaflnung

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VON NULL BIS EINEN FADEN TIEFE

DIE EINGESCHRIEBENEN MAASSE BEZEICHNEN DIE TIEFE IN FADEN .

Einleitung.

I. Geographische und physikalische Eigenschaften der Kieler Bucht.

Die Kieler Bucht ist ein Busen an der Ostküste der Herzogthümer Holstein und Schleswig. Der grösste Theil ihres westlichen Ufers ist Schleswigisches Gebiet; der ganze Oststrand und die Süd- spitze bis zum Eiderkanal liegen in Holstein. Sie öffnet sich zwischen Bülk und Stein in dasjenige Becken der Ostsee, um welches Schleswig, Alsen, Fünen, Langeland, Laaland, Fehmarn und Holstein herumliegen.

Ihre grösste Ausdehnung geht von SSW nach NNO; in dieser Richtung ist sie zwei geogra- phische Meilen lang und an ihrer Oeffnung fast eine Meile breit. Sie verengt sich bei Friedrichsort, welches eine Meile binnenwärts liegt, bis auf eine Achtelmeile, erweitert sich aber hinter dieser Festung und dem Dorfe Wiek wieder auf eine Viertelmeile. Bei dem Badeorte Düsternbrook fängt die innere Verengung an, die südlich vom Hafen bei der Stadt Kiel endlich in eine schmale und seichte Spitze ausläuft.

Die beiderseitigen Ufer umkränzen Hügel, die an mehren Punkten mit schönen Buchenhainen geschmückt sind. Hinter diesen Höhen und Gehölzen ist bei jedem Winde irgend ein Platz zu finden, wo der Schiffer sicher ankern und der Forscher ruhig fischen und sammeln kann.

Die Wassertiefe beträgt im Mittelthal der Bucht gewöhnlich 7 bis 9 Faden (zu 6 Fuss). Ihre tiefste Stelle ist ein Loch , wo das Senkblei erst auf 17 bis 20 Faden den Grund erreicht; die Fischer nennen es Wittlingskule, weil sie vorzugsweise daselbst im Winter den Wittling (Gadus merlangus Cuv.) fangen. Sonst vermindert sich fast überall die Tiefe von der Mittelrinne nach dem Ufer zu nach und nach auf 6, 5 und 4 Faden und dann steigt der Grund ziemlich schnell zum flachen Strande hinauf, der meistentheils, die innerste schlammige Spitze der Bucht ausgenommen, mit feinem grauen Sande bedeckt ist.

In den grösseren Tiefen liegt am Grunde ein weicher, schwarzer, nach Schwefelwasserstoff rie- chender Schlamm, der hauptsächlich aus feinen Thontheilchen, faulen Pflanzenstoffen und Resten von Schalthieren zusammengesetzt ist. Einen Hauptbestandtheil desselben liefert das abgestorbene See- gras(ZosteramarinaL.), das neben den grünen Seegraswiesen, gegen die Tiefe hinab eine Schicht von brau- nem »Rottang « bildet, wie es die Fischer in diesem Zustande der Verwesung nennen. Dieses todte See- gras findet man in der Nähe der Stadt, dem Schlosse gegenüber, schon in 3 Faden Tiefe; an vielen andern Stellen, z. B. bei Wiek und Kitzenberg liegt es erst 5 bis 6 Faden tief. Am meisten kommt es da vor, wo die Tiefe plötzlich um 3 bis 4 Faden zunimmt, an den sogenannten Scharkanten. Sehr dichte Schich- ten desselben liegen südlich von Bülk und südwestlich von Laboe erst auf einer Tiefe von zehn Faden.

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. Fi =

11 EINLEITUNG.

Der Salzgehalt des Wassers der Kieler Bucht beträgt nach €. H. Prarr (Scnweıscer’s Journal f. Chemie und Physik, XXI, p. 271) 17,7 pro mille, und besteht nach dessen Analyse aus: Chlormatrnmmr 870 Chlormasnesium . . . 9,73 Schwefelsaurem Kalk . 0,13 Schwefelsaurer Magnesia 14,96

Kohlensaurem Kalk . . 0,40 Kohlensaurer Magnesia . 0,08 100,00

In seiner Schrift: Das Kieler Seebad, 1822 p. 27 bemerkt Prarr, dass bei anhaltenden Nord- und Nordostwinden der Salzgehalt etwas höher steige, aber bei längerer Windstille und bei Süd- und Süd- westwind unter 16 p. m. herabsinke. Er steht also weit unter der durchschnittlichen Salzmenge der Nordsee und des freien Meeres, welche nach G. Forcnmanner für jene 32,8 p. m., für dieses aber 34,30% p- m. beträgt. Wir bedauern sehr, dass unter den zahlreichen Analysen, welche G. Forcnuanner in seiner Universitätsschrift: Om Soevandets Bestanddele og deres Fordeling i Havet, 1859, und in G. Bıscuor’s Lehr- buche der chemischen und physikalischen Geologie, im ersten Bande, 1863, bekannt gemacht hat, gar keine aus einer Föhrde des westlichen Östseebeckens enthalten sind, welche erst einen bestimmten Mass-

stab zur Vergleichung mit folgenden Analysen dieses Forschers darbieten könnten. Derselbe fand pro mille:

Se AR cr Schwefelsaure | Schwefelsaure Aa | NIEREN. Salzgehalt Chlornatrium | Magnesia Kallerae Chlorkalium Chlormagnesium Im Kattegat: 19,940 15,612 1,244 0,769 0,365 1,919 Im Sunde bei Südströmung: 10,869 8,640 0,711 0,478 0,155 0,880

Aus Forcnmanner’s Abhandlungen und aus K. v. Baur's Schrift: Ueber ein neues Projekt, Austern- bänke an der Russischen Ostseeküste anzulegen und über den Salzgehalt der Ostsee in verschiedenen Gegenden (Melanges biologiques, tires du bullet. de Vacad. imper. des science. de St. Petersbourg. T. III. 18614)

entnehmen wir noch folgende Angaben :

1000 Theile Wasser enthielten : are» -* bei Kopenhagen, an der Oberfläche . . . . . . 15,8 (Forcımanner) bei Kopenhagen, in der Tiefe... . ...... 17,5 (Forcunanner) bei Malmö, bei Nordströmung . . . ..... 47% (H. Srruve) bei) Travemander ur rufe ELMERIURE ONE AG EN Madern) DeiDobbenanemen 2 2. nn er IGHSEINE) bei Zoppot unweit Danzig . . . ...... 75 (LichtTenBErs) zwischen Bornholm u. Schonen, bei NNO-Wind 7,5 (ForennamneEr) zwischen Oeland und Gothland . . . ...... 7,3 (ForennanmeEr) vor demEingangeinden finnischenMeerbusen 6,9 (Forennannen) bei Pernau in Livland, bei starkem SW-Wind .. . 6,2 (Göser) bei der Alandsinsel Degerby. . . .. .... 8,9 (H. Srruve) zwischen Riga und Mitau . . . . ». » 2... 8,7 (SEETZEN) bei Revaltı 2107 DIHTDARRRONEERDS HONE.. 6,25 (GöBEı.)

bei Chudleigh in Ehstland . . . . » 2.2 .2...0.4%&% (Scampr).

SALZGEHALT, WASSERSTAND, TEMPERATUR. IN

Diese Zahlen zeigen, dass der Salzgehalt des östlichen Ostseebeckens, welches eine von der Südspitze Schwedens nach Rügen hin gezogene Linie von dem westlichen scheidet, viel weniger Salz, als dieses besitzt, da nur bis hierher die Wirkungen der nördlichen Winde und Strömungen reichen, die salzeicheres Wasser aus der Nordsee hineintreiben. Wie sehr die Salzmenge von der Richtung der Strö- mungen abhängig ist, lehren Forcnnamner’s Beobachtungen am Sunde. Bei Strömung aus dem Kattegat nach Süden fand er bis 23,8 p. mille; bei Strömung aus der Ostsee nach Norden sank der Salzge- halt in der Tiefe bis auf 8,9 p. m. und an der Oberfläche bis auf 8 p. m. herab.

Der Salzmenge der Kieler Bucht ist ungefähr eben so hoch, wie der mittlere Salzgehalt des Sundes bei Kopenhagen, welchen Forcnsamner zu 17,5 p. m. angiebt. Das salzreichere Wasser des Kattegats scheint sich also an der Ostküste von Jütland, Schleswig und Holstein ungestörter südwärts zu bewegen, als durch den Sund. Dass dieser und die Belte dennoch weit mehr Thierarten enthalten, als die Kieler Bucht, verdanken sie offenbar der grösseren Nähe der Nordsee, die ihnen wärmeres Wasser liefert, als die inneren Theile der Ostsee im Winter besitzen, und die ihnen immer wieder junge Ansiedler aus ihrer reicheren Bevölkerung zuführt, deren Gedeihen die Strömungen noch dadurch begünstigen, dass sie ihnen nährende Stoffe zutragen und den Gaswechsel befördern.

Bei Ellerbeck, Kiel gegenüber, fliesst ein Flüsschen, die Schwentine, in die Bucht, und zwi- schen Wiek und Friedrichsort führt der Eiderkanal etwas süsses Wasser ein; beide sind jedoch zu unbedeutend, als dass sie den Salzgehalt der Bucht im Allgemeinen weithin merklich verändern könnten. Man sieht auch schon nahe vor ihren Mündungen dieselben Thiere und Pflanzen, die in andern Gegenden

der Bucht vorkommen, welche mit ihnen gleichen Grund und gleiche Tiefe haben.

Der normale Wasserstand pflegt im Sommer bei gutem Wetter am längsten anzuhalten; dann schwankt seine Höhe täglich nur zwischen 6 bis 9 Zoll. Vielleicht ist dies die schwache Ebbe und Fluth der Ostsee, die, wie G. Hasen in den Monatsberichten der Berliner Akademie a. d. J. 1857, p. 345 mittheilt, bei Travemünde bei ruhiger Witterung etwa 6 Zoll beträgt.

Bei Nordoststürmen kann das Wasser 6 Fuss über seine normale Höhe steigen und bei West- stürmen 6 Fuss darunter sinken. Diese fast nur im Frühjahr und Herbst eintretenden, auffallenden Ver- änderungen üben jedoch keinen erheblichen Einfluss auf die Fauna der Bucht aus.

In der Verengung bei Friedrichsort ist das Wasser fast immer in strömender Bewegung, entweder einwärts oder auswärts, da selbst schwache Winde, die auf See auch bei schönem Wetter selten gänzlich ausbleiben, die Höhe des Wasserspiegels verändern. Zuweilen steigt dieselbe sehr bemerkbar, ohne dass es gegenwärtige, über ihm wehende Winde veranlassen. Die Ursachen dieser, auch in anderen Theilen der Ostsee beobachteten Erscheinung sind noch unbekannt (Vergl. E. Borı, die Ostsee. Archiv des Vereins der Freunde d. Naturgesch. in Meklenburg. Heft I. 1847. p. 43).

Die Wärmeverhältnisse der Ostsee sind, wenn man sie mit den unter gleichen Breitengraden liegenden Gegenden der Nordsee vergleicht, sehr ungünstig für das Thier- und Pflanzenleben. Die nord- östlichen Theile derselben bedecken sich in jedem Winter mit Eis; die Buchten des westlichen Beckens bleiben nur in ungewöhnlich milden Wintern offen, und zuweilen friert die ganze Ostsee so fest zu, dass die tragbare Eisdecke von Skandinavien bis nach Deutschland reicht. (S. E. Borı’s Ostsee p. 60). Im Sommer steigt freilich die Wärme des Wassers an der Oberfläche noch ziemlich hoch. Sie beträgt im August, wo das Maximum eintritt, bei Dobberan nach fünfjährigen Beobachtungen 14,88" R. (Dove in

>.

IV EINLEITUNG.

Neunany’s Zeitschr. f. allg. Erdk. Bd. VI, 1859 p. 1); bei Cranzkuren, 4 Meilen nördlich von Königs- berg, nach zwölfjährigen Beobachtungen 13,72° (G. Tuomas, Schriften der phys.-ökonom. Gesellsch. z. Königsberg 1863, p. 167); und selbst bei Rewal am finnischen Meerbusen erhebt sie sich nach dreijähri- gen Beobachtungen von Wesszrowskv noch auf 13,13° (Neumans’s Zeitschr. Bd. IV, 1858, p. 503). Allein da das Bestehen der ausdauernden Pflanzen und Thiere vielmehr von der niedrigsten, als von der höchsten Temperatur ihres Wohnortes abhängt, so führen erst Beobachtungen über die Wintertemperatur in den Tiefen des Meeres, wo die Thiere Zuflucht suchen, wenn die Oberfläche stark erkaltet, zur rich- tigen Kenntniss der klimatischen Ursachen ihrer Verminderung.

Wesserowsky beobachtete 7 Fuss tief bei Rewal: im Januar 0,03’ R. im März 0,11

im Februar— 0,15 im April 0,01

(Neumanv’s Zeitschr. f. allg. Erdk. Bd. IV. 1858, p. 503). NorvenskröLp fand um Weihnachten bei den Alandsinseln, wie Eoruxo in Possennorrr’s Annalen Bd. 121, 1846 p. 52% mittheilt, in 21 Fuss Tiefe, (3 Fuss über dem Grunde) 1°, und an einer anderen Stelle 1% Fuss tief (2 Fuss über dem Grunde) 0,6". Fast ebenso niedrig, wie in diesen nördlichen Theilen der Ostsee, nämlich bis auf 0 Grad, sinkt auch die Temperatur des Wassers in der Kieler Bucht innoch grösseren Tiefen, wie die erste und zweite Reihe der hier folgenden Tabelle zeigen, welche ausserdem noch die Temperatur des Wassers an der Oberfläche und der Luft über dem Wasser vom 23. Juni 1863 bis zum 23. Juni 1864 enthält.

Temperatur-Tabelle.

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LUFT- UND WASSERTEMPERATUR.

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1235 1% 15 | SW, heiter. AU) = 8 7 8 |SW, heiter.

3 | 112,5 | 14,5 16 | SO, heiter. er 8 6,5 6 | SW, heiter.

+ 114,5 12,5 15 19 | 0, heiter. Nvbr. A ga 740 6 5 | SW, heiter.

5 12,5 14 11. |WNW, stürmisch, Regen. Au 8 7 5 |SO, heiter.

6) 112,5 | 12,5 9 | SW, Sturm, Regen. a | = 8 7,5 7 |S, trübe.

7| [14,75|) 11,75 | 9,5 |S, stürmisch, Regen. ir | 755: 6 2,5 |750) |iw,trübe»:

8| |/H1,5 | 44,5 | 12 | SW, Sturm, Regen. 5 | 8,5 8 7,5 7 | W, heiter.

9 | [14,5 | 44,5 | 11 |[S, Regen. 6| 8 7,5 5 | NNW, heiter. 40 |14,5 11,5 | 14,5 | 40 |0, Regen. 7|85 8 N % |NNW, trübe. 1A - 14,5 | 14,5 | 10 |sW, Sturm, Regen. sl 8 71,5 5 | W, trübe. 12 \11,5 [11,25] 41,5 | 12 | SW, stürmisch, Regen. 3E W25 155 6 5 | NO, heiter. 13 | 11,25) 11,5 | 12 | W, Regen. 10|— |75 6 3 | SO, heiter. 4% | 111,25) 11,5 |11,5 | WNW, Sturm u. Regen. an | 735 2 2 | SW, Schnee. 15 \11,25111,25] A 14 | SW, Regen.| 12, 72,5 745) 056,5 3 SW, Nebel. 16 | [11,25] 10 | SW, Regen. 13| 6 2 | SW, Nebel. A7\— 44 UR| 14 —— i? 6 6,5 6 3 | SW, Nebel. ıs| | 4 iu) 13 | W, trübe. 15 | 6 6,5 3 | SW, Nebel. 19|— | 44 - | AA | W, trübe. 46 | 7 6 3,5 | SW, Nebel, Regen. 20 1,5 | 44 A 10 | SW, trübe. 17 6 7 6 3 | SW, Regen. Aa1)— | M iR 11 | SSW, stürmisch, wolkig. As 2211685 7 3 | SW, Regen. 22 [11,5 10,5 1A 10 |s, wolkig. Ag, al 645 7 4 | SW, heiter. 23 | [10,5 | 10 | 43 | Windstille, heiter. 20|— |6,5| 65 | 5,5 |SW, heiter. 24 10,5 | MM 9 | ssw, trübe. 24 260 00,5 6 | A,5 |SSW, heiter. 25 | a1 [10,5 11 41 | SW, heiter. 22 | 7 6 % \ WSW, trübe. 26 I 110,0 | AM 13 | W, heiter. 23 | 7 6,5 | 5 | sw, heiter. 27 | [10,5 A 12 | WSW, heiter. 24 | 6,5 7 4 | SW, Regen. 28 | 1A iR M —_ 25 7 6,5 6,5 7 | Windstille, heiter. 29 | MM MA iR 12 | S, heiter. 9 | 7 6 2 | 080, wolkig. 30 [5 13 | S, heiter. | 27|— |65 6 3 | 080, trübe.

Oktbr. I | 11 IE IE 12 | PR = 6 5 0 |so, heiter. rer | 12 |, trübe. | 29 | 6 k | —1 | 0N0, trübe. 3| u 10 10 | SW, stürmisch, wolkig. | 30 | 6,5 6 2 —3 | SO, heiter.

% 1 10 | 41 | SW, trübe. Dezbr. 4 | | 6,5 4 | —I | so, heiter,

5 11,251 11 | 10,5 | 44 |o, trübe. 2|ı 7 6 2 | so, heiter.

6 ‚Eu ) 10 | sw, trübe. 31.6 6 5 3 | SO, trübe.

7 10 HM 10 |Xo, trübe. k | | 6,5 1 2 | W, heiter.

8 | 41 110,5 11 Il | NO, heiter. 5 | 6,5 6 5 4 | SW, wolkig.

ge IM ie 12 | NO, heiter. 61 5 6 3 | W, heiter. ee HM oe ae 5 5 | % |sW, wolkig.

EINLEITUNG.

: 5 i RE = we |s2 = 35 SE == So SS SE Monatstag ER 58 | 8583 = Wind und Wetter. Monatstag NEE |5 8 | 3552 |5= Wind und Wetter. else =, Dezbr. 8 | 6,5 | 6 5,5 | 5 |SW, wolkig. \ Febr.2 | Ta 0 |—1,5| SW, trübe. ee —— 5 5,5 IN WSW, trübe. = | 2} 0 —3 |W, heiter. 10 ut: 5) 5 3 W, trübe. k —- 2 0 A SSW, heiter. An|— 6 5,5 | 3 | W, heiter. li 0 0 | S, Schnee. 12 £7 6 5 4 | WSW, wolkig. 3 > 0 —2 | 0S0, Schnee. ey 6 4 4 | W, wolkig. ll 1,5 0 9 | ONO, trübe. 1% | 5 k 4% WNW, wolkig. Sl = 11,8 0 | 1 | NO, Schnee. 15 Ba |5%5 5 5 W, trübe. | | 1 0 | —1 | NO, Schnee. 16 5 5 3 | SW, Resen. Orr 1 0 —4 |.NO, Schnee. 17 5 3 | SSW, Regen. A| A 0 |-——1 | SO, heiter. salusE 3 6 | NO, heiter. | 2|— 1 0 |.—3 | SO, trübe. 19| 5 4 6 INW, wolkig. | JE, = 4 0,5 |—2,5| SW, trübe. 20| 5 k 5 | W, wolkig. 14 1 0 2 | W, heiter. a1 | 5 3,5 | 3) SW» heiter. Asa ln 222 E05 0 3 | SW, heiter. 22 | | 45 3 3 |. NW, trübe. 16 | | 0,5 1 k | WNW, heiter. 3| 4 2 A | SW, trübe. 1417| | 0,5 A A | NW, trübe. 2% 5 k 2 2 | W, heiter. 18 | 0,5 0 —-3 | NO, Schnee. 95 4 3 5 W, trübe. 19 | 0,5 0 |—2,5| NO, Schnee. a = % 3 4 | W, heiter. 20 | 0,5 0 —2 | NO, Schnee. 97 5 4,5 % 0 | NW, heiter. a || >= 0,5 0 |—1,5| 50, Schnee. 28 | 2 0 | W, heiter. 2 | 1 0 4 | SW, Schnee. 29 | 4 1,5 | —1 | NO, trübe. 23 | 1 0 0 |NO, trübe. 30 | 3,5 2 | —3 |W, heiter. 24 | 1 0 2 | 0, trübe. 31 ı 3 0 —7 | W, heiter. 95 2 I) 0 2% | W, heiter. 26 | 4 0 4 | NO, trübe. 1863 SUR ae | 2 | NO, trübe. Januar I | 3 | —1 |—3 |NO, heiter. 28 | | 0,5 0 | 4,5 |NO, trübe. ll ) 4 | ONO, heiter. za 0 A 2 | ONO, trübe. a | 0 | NNO, heiter. März 1 2 0 1 9% | SSO, trübe. k\— | 0 | —-7 | NO, heiter. 2 | 0 0 1 | so, trübe. 3 | = 0 —6 | 0, heiter. 3a 0 l) 3 | SO, Regen. Ge BeN 0 7 | N, heiter. Mo 0 I) 2 | SSO, Regen. 71 3 0 .1—8 |, NNO, heiter. 511,75 0 1 2,5 | ONO, trübe. gl 0 | 6 |NW, wolkig. Ga Er 1 2,5 | ONO, trübe. 9 | 4,5 | 3,25 0 .1—6 , WSW, wolkig. 71— 1 1,5 6 | SW, Regen. 10 | 4,75| 3,25 0 —7 | SW, wolkig. 8 A 1 A 2 |NNW, heiter. I 3 0 \—5 |0, heiter. 9, 1 0 4 | 0, heiter. 12 | 0 8 | SSO, heiter. 10 A l) A 1 | NNW, heiter. 3|— | 0 | —10) NO, heiter. | A| 1 1,5 4 | SW, heiter. NA h 3 0 —8 |NO, heiter. 12 {) A I) 3 | SW, trübe. 15 ku 0 |—2 | 080, heiter. 131 1 1,5 4 | WSW, heiter. te = 9708) 0 |-—-9 | 0, heiter. 14 A 2 8 | WNW, heiter. za 3 0 —42| 0SO, heiter. | | [| 5 | W, heiter, 18 | 0 —8 |SO, heiter. ar) == j) 4 0 NNO, heiter. 9|—- | 0 |—-3 |SW, trübe. 17 \4,25| A 0 5 | SO, heiter. 20 4 3 0 0 | W, trübe. 18 I) i) 4 | SO, heiter, Sa ie 0 1 | SSO, heiter. 19| 1 1 4 |SSO, heiter. 22 | 0 % | SW, wolkig. | I) A 4 |SO, heiter. 23| 3 1 5 | SW, Regen. 21 | i) I) 4 | SW, trübe. 24 | |23,5 0 3 | WSW, Regen. 22 | 1 1 5 | WSW, trübe. 25 k | 2,5 0 3 | WSW, trübe. 23 I 1,5 1,5 5 | W, heiter. 26| 4 |235| 0 | % |sw, trübe. | 23|— |45| ® | 7 | ww, heiter. 27 k 2 0 0 | WSW, trübe. 25. | 0,25 4 2,5 | 10 |NNW, heiter. 28 2 0,5 % | W, Regen. 26 | | 1,5 2 5 | NNO, trübe. 29 | 1,5 0 —4 | ONO, heiter. 27 | 2 1,5 4 | ONO, heiter. 30 23 El 0 | —1 |sW, heiter. 28 | 2 2 3 | SW, trübe, 31 | 2 0 | —A | SW, heiter. 29 | 2 2,5 k | WSW, trübe. Febr. 1 2 0 —1,5 SSW, heiter. 30 nn 1,5 2 4 SW, heiter.

LUFT- UND WASSERTEMPERATUR. VII

e2|s g5 SE e2|= 5 = =5|22|°>3 sr SEEN or = Pr Monatstag | 3 E Bels 52 3 = Wind und Wetter. Monatstag| 3& | 3 = 350|53= Wind und Wetter. F-] =} S So Ss 5 So Sr: so sE|j2es | E#5|8= seles|ls%25|82 gelsjeesjea) eme=lerolce März 31 | 2 2 4 |SSW, heiter. Manz 8 13 | 15 |0, heiter. April A| 2 1,5 3 | WSW, Regen. 18 3 10 20 | NW, heiter. A| 1,5 | 2 NW, Schnee. | 19 9 12 14 NO, heiter. a 1,5 1,5 3 NNW, trübe. | 20 7 12 i6 |SW, heiter. In 1,5 4 A NNO, heiter. 21 3 7 10 {2 | NW, heiter. Sl 1,5 1 1,5 | 0, Schnee. 39 | 8 9 10 NW, Regen. 6| 1,5 1 4 | NO, trübe. | Dam 10 10 6 | SW, Regen. ln 1,5 I) A | NNO, trübe. 2% A 9 10 9 | NO, heiter.

81 1,8 1 2 | NO, heiter. Ol ) 8 6 | NW, Regen. 9 2 2 6 Windstille, trübe. Ib IN 9 8 8 NO, wolkig. 40 0 2 9,5 5 | Windstille, heiter. 97 4 g 9 6 | WNW, Regen. | 2 3,5 | 12 |WNW, heiter. sl = 1.848 9 9 | NW, wolkig.

12 0 2,5 3 7 | WNW, heiter, 29 | 8 9 5 | N, Regen. Isle 3 3 I0 |INNW, heiter. 30. 8 8 9 |NW, wolkig. 14 | 3 5 | A4 |NO, heiter. a5 8 8 | 44 |S, heiter.

‚By | 3 6 I0 |SSO, heiter. mm || 8 9 10 | NO, Regen. la I 3 5 8 |0, heiter. | 2 5 8 9 :;40 | NO, heiter. 47 0 3 5 9 | ONO, heiter. | 8 9 12 | NO, heiter. Sale 4 6 10 | Windstille, heiter. | 9 10 8 | 0, Regen.

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Mai 3 5 4,5 4 | ONO, heiter. 1717| 9 13 I4 | NW, heiter.

4 | 6 6 6 |NO, heiter. 18 | 5,5 9 A 13 | SW, trübe.

5| 6 7 6 |0, heiter. 19 | 9 iE 12 | NW, heiter.

6 | 6 7 8 | 0SO, heiter. 20 | 8,5 12 I4# | WSW, trübe. Zi 6 7,5 | 9 080, heiter. au 5 9 12 | 15 |sW, heiter. 8 6 8 |0, heiter. 2 | |85 1 I4 | WNW, heiter. gale-— 6 7 9 |0, heiter. 23 9 12 13 | SW, Regen. 10| 2 6 7 410 |0, heiter. 24) 5 9 10 | 10 |w, Regen. ii 6 7 143 |o, heiter. Ban 8 10 9 | W, Regen.

12 | 6 7 12 |0, heiter. %6| —- 185 12 I4 | w, trübe. 13 6 8 12 | 0, heiter. 27 5 Ü 1 13 | W, Regen. 142 7 10 | 15 |xo, heiter. 280 22 210 N I1 | NNW, Regen. 15 2 7 12 15 | NO, heiter. 29 | 10 13 15 | SSW, heiter. 16 8 12 I5 | NO, heiter.

Die Temperatur in 5 Faden (oder 30 Fuss) Tiefe im Hafen und in 16 Faden (oder 96 Fuss) Tiefe in der Wittlingskule (S. S. I) wurde mit Thermometern beobachtet, die einen zwei Zoll dicken, dicht anschliessenden Ueberzug von Hartgummi haben, der nur über demjenigen Theile der Skala fehlt, an welchem (die Temperatur abzelesen wird. Diese Bekleidung leitet die Wärme so langsam fort, dass sich solche Temperaturunterschiede, wie während der Beobachtung auf das Thermometer einwirken können, erst nach einer halben Stunde am Quecksilberstande bemerkbar machen. Die Thermometer hingen, durch ein Senkblei beschwert, an einer Leine 1'% Fuss über dem Grunde, ungestört von einem Mittag !bis

vol EINLEITUNG.

zum andern. Da das Aufziehen derselben nur wenige Minuten dauert, so sind wir sicher, dass sie stets die Temperatur des Wassers an ihren Ruheplätzen angezeigt haben. Die Beobachtungen wurden immer um 12 Uhr Mittags vorgenommen, zu einer Tageszeit, wo stets einer der Brüder Horn, welche wir dazu angeleitet haben, regelmässig in Kiel sein und im Boot nach den Beobachtungsörtern fahren konnte.

Uebersichtlicher, als die Tabelle, stellen die Kurven der gegenüberstehenden Tafel den Gang der Temperatur im Kieler Hafen dar. Sie sind sowohl für die Temperatur der Luft, als auch für die des Wassers an der Oberfläche und in 5 Faden Tiefe aus fünftägigen Mitteln konstruirt; für die 16 Faden tiefe Schicht jedoch aus den Zahlen der Tabelle selbst. Die punktirte Linie versinnlicht den Gang der mitt- leren Lufttemperatur in Kiel nach den Beobachtungen des Hrn. Professors G. Karsten. Diese Kurven lehren, dass die Lufttemperatur am bedeutendsten steigt und fällt, und dass in den Wasserschichten die Schwankungen um so geringer werden, je tiefer sie liegen. Die springenden Bewegungen der Lufttem- peratur schreiten voran, und nachahmend folgen ihnen die Wärmeveränderungen der verschiedenen Wasserschichten nach. Zuerst schliesst sich die Oberflächentemperatur mit noch ziemlich grossen Sprüngen an; dann folgt die Temperatur der 5 Faden tiefen Schicht mit geringeren Schwankungen nach, und endlich am spätesten und in den gleichmässigsten Schritten geht die Temperatur der 16 Faden tiefen Schicht hinterher. Im September und Oktober herrscht in allen Schichten dieselbe Temperatur, und in.der tiefsten Schicht zugleich die höchste Wärme, die sie erreichen kann. Der September und Oktober sind also die Sommermonate unserer grössten Tiefe. Die höchste und niedrigste Temperatur der Oberfläche fällt mit dem Maximum und Minimum der Lufttemperatur fast zusammen. In 5 Faden Tiefe tritt die geringste Wärme (0°) erst im März ein, wenn die Luftwärme schon wieder gestiegen ist. In dieser für das Thier- und Pflanzenleben sehr wichtigen Wasserschicht, da sie ungefähr in der Mitte zwischen der Oberfläche und der Thalsohle der Bucht liegt, bleibt die Temperatur fast fünf Monate lang, vom Dezember bis Anfang Mai unter 5 Grad. In 16 Faden Tiefe ist die Wärme erst im April bis auf 0 Grad, ihr Durch- schnittsminimum hinabgesunken. Dann ist also erst Winter für die Bewohner dieser Tiefe. Sie leben also in einer wenig veränderlichen Temperatur, die nur innerhalb 11'% Grade steigt und fällt. Je höher die Wasserschicht liegt, je weiter entfernt sich die niedrigste von der höchsten Temperatur. 5 Faden tief beträgt die Entfernung beider von einander 14°, und an der Oberfläche 16 Grade. Wie viel interessanter und für die Verbreitung des Lebens in der Ostsee noch belehrender würde es sein, den Gang der Tempe- ratur in den grösseren Tiefen derselben, z. B. in dem 60 bis 80 Faden tiefem Thale, das sich nördlich von der Weichselmündung nach Gothland hinzieht, zu erforschen !

Dass die Temperatur auch in den übrigen Theilen der Kieler Bucht, eben so tief sinkt, wie an unseren Beobachtungsstellen im Hafen und in der Wittlingskule, geht aus verschiedenen uns gemachten Angaben über die Bildung des Grundeises hervor. Etwas ausserhalb Laboe gräbt man feinen weissen Sand zum Scheuern und Bauen aus 4—5 Fuss Wassertiefe. Dieser ist im Winter, ehe noch die Eisdecke auf der Oberfläche erscheint, häufig mit einer fingerdicken Eiskruste überzogen, welche die Sandgräber mit Mühe abkratzen müssen, ehe sie den Sand schöpfen können. Bei klarem, ruhigen Frostwetter, wenn kein Schnee fällt, sieht man oft unter dem Wasser am Seegras und an Tangen Eis hängen. Sehr oft ziehen die Fischer ihre Netze, nachdem dieselben von einem Tage bis zum andern im Wasser gestanden haben, mit erfrorenen Fischen und und mit Eisüberzügen an die Oberfläche, und zwar aus Tiefen bis zu 30 Fuss. Aus grösseren Tiefen fehlen in der Kieler Bucht Beobachtungen über Grundeisbildung, da man daselbst im Winter die Netze nicht tiefer stellt. Unsere Bootsleute G. u. F. Horn waren im Anfang des März 1855, wo auf der Bucht das Eis bis zum 8. April aushielt, hinaus nach Laboe gegangen, um auf einer eisfreien Stelle Seevögel

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GRUNDEISBILDUNG. SÜSSWASSER UNTER DER EISDECKE. IX

zu fangen. Da tauchte, während sie vom Boot aus jagten, plötzlich Grundeis um sie her in solcher Menge auf, dass ihr Boot einfror; aber ehe eine Stunde verflossen war, konnten sie aussteigen und auf dem tragenden Eise ans Land gehen. Die Grundeisbildung fügt den Fischern oft bedeutenden Schaden zu. Unsern Bootsleuten Horn erfroren in einer Nacht in einem grossen Fischkasten 1500 Stück Dorsche, und den Ellerbecker Fischern gingen im Winter 1847 dadurch 40,000 Stück zu Grunde. Diese erfrornen Fische lagen in flüssigem Wasser, waren aber selbst mit einer Eiskruste überzogen und hatten Eisklumpen in den Kiemenlöchern und im Maule. Sie veranlassten also wohl durch ihre Bewegungen die Erstarrung des unter seinen Gefrierpunkt abgekühlten Wassers.

Alle diese Angaben wurden uns mit so vielen, ihre Wahrheit bestätigenden beiläufigen Mitthei- lungen gemacht, dass wir sie als ganz zuverlässig ansehen dürfen. Sie stimmen übrigens auch mit vielen Erfahrungen Norwegischer und Schwedischer Fischer überein, welche E. Enıusp in seiner Abhandlung: Ueber die Bildung des Eises im Meere, in Possenporrr’s Annalen, Bd. 121, p. 526 ff. zusammengestellt hat. Wir fügen ihnen noch die merkwürdige Beobachtung bei, dass die Kieler Bootsleute und die Eller- becker Fischer, wenn sie beim Arbeiten auf dem Eise durstig werden, ein Loch in dasselbe schlagen und das unter demselben stehende Wasser trinken, da es durchaus ungesalzen ist. Der äussere, an die noch offene See grenzende, also zuletzt entstandene Theil der Eisdecke, hat noch Salzwasser unter sich; weiter binnenwärts aber ist das Wasser unter derselben trinkbar, sobald es nur dick genug ist, um Menschen zu tragen. Dass sich unter der Eisdecke eines ruhigen Meerbusens eine Schicht von süssem Wasser bildet, sobald Thauwetter eintritt, ist leicht erklärlich; aber woher kommt dasselbe, wenn die Eishildung noch fortschreitet? Wahrscheinlich rührt es von den Flüssen und Quellen her, deren Wasser noch unter dem Eise in die Bucht fliesst, und das sich deshalb als eine abgesonderte Schicht auf dem darunter stehenden dichteren Salzwasser erhalten kann, weil unter der Eisdecke keine Wellenbewegung stattfindet, die sonst die beiden ungleich dichten Wasserarten durcheinander mengt.

An der West- und Nordküste von Schottland beträgt die Mitteltemperatur des Meerwassers an der Oberfläche in den kältesten aufeinander folgenden 30 Tagen 3,1’ R; bei den Shetlands-Inseln 1,8". Im Kieler Hafen erhob sich im Januar und Februar 1864 die Temperatur der Wasseroberfläche nur an wenigen Tagen um ein Geringes über Null. Seine Thiere erfreuen sich also nicht der Winterwärme, die den Bewohnern der Schottischen und Shetländischen Küsten zu Theil wird, ja sie haben sogar eine grössere Kälte auszuhalten, als die Bewohner des Meeres bei den Färöern; denn nach Dana macht die Isokryme von 1,3°R, d. h. die Linie, welche die Orte verbindet, wo die Mitteltem- peratur der aufeinanderfolgenden 30 kältesten Tage 1,3" beträgt, zwischen Island und Norwegen einen weit über die Färöer nach Norden reichenden Bogen. (Vergl. Dana, On the classific. and geologie. distri- bution of erustacea p. 1483 oder die Auszüge aus diesem Werke in E. E. Scumiw’s Meteorologie 1860 p- 258 und in Dovr’s Abhandl. über die Veränd. d. Temp. des Meerwassers, in Neunans’s Zeitschr. [. allg. Erdk. Bd. VI, 1859 p. 11).

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht.

x EINLEITUNG.

II. Beschaffenheit des Bodens und Vertheilung der Thiere.

Auf einem grossen Theile ihres Grundes trägt die Kieler Bucht lebende Pflanzen. Vom flachen Strande an, der bei niedrigem Wasser trocken liegt, wächst an vielen Stellen bis zu 5 und 6 Faden Tiefe, besonders auf vorwiegend sandhaltigem Boden Seegras, Zostera marinaL. Es bildet ausgedehnte Wiesen unter dem Wasser, in welchen nur im äussern Theile der Bucht, nördlich von Laboe gänzlich kahle Sandflecke zerstreut liegen, die prächtig hell smaragdgrün durch das klare Seewasser heraufscheinen, während das Seegras um sie herum nur mattes dunkelgrünes Licht aus der Tiefe zurückwirft. In diesen Wiesen verbergen und nähren sich viele Thiere aus den Klassen der Fische, Krustenthiere, Würmer, Mollusken und Stachelhäuter. Und auch der Mensch weiss sie sich nutzbar zu machen. Die Bewohner der Stranddörfer schneiden das Seegras ab, um es zu trocknen und zu verkaufen. Wo es flach steht, waten sie bis an die Hüften in das Wasser hinein, um es mit gewöhnlichen Sensen abzumähen. Auf tieferem Grunde schneiden sie es von Böten aus mit einem aus zwei Sensen zusammengesetzten oder mit einem eigens dazu geschmiedeten Werkzeuge ab, das die Form eines grossen lateinischen A hat. Die beiden Hauptstriche dieses Buchstabens entsprechen den Schneiden, deren Schärfe auswärts liegt. Oben an der Spitze sind diese beweglich zusammengeschraubt, damit man ihren Winkel verändern kann. Der Querstrich im A entspricht dem Stützbogen der Schneideplatten. An der Winkelspitze ist ein Ring zur Befestigung des Taues, woran diese Doppelsense auf den Grund gelassen wird. Der Mäher sitzt rücklings hinten im Boot und zieht sie ruckweis an, während ein Anderer vorwärts rudert. Es wird nur bei solchen Winden gemähet, die das abgeschnittene Seegras an den Strand treiben, wo es dann mit Harken auf das Land gezogen und zum Trocknen ausgebreitet wird. Zuweilen sieht man auch lange Netze in einem Halbkreise gegen den Wind ausgespannt, um darin das abgemähete, antreibende Seegras aufzufangen. Im Ganzen werden an den Ufern der Kieler Bucht, Bülk und Stein mit eingerechnet, jährlich an 250,000 Pfund trocknes Seegras geerntet und 100 Pfund durchschnittlich für 1 Mark und 8 Schilling oder 18 Silbergroschen verkauft.

An einigen Stellen wächst die Meersaite (Chorda filum L.) zwischen Seegras. Ulven treten nur im flachen Wasser bei Kiel in der Nähe des Schlosses und innerhalb der Rhede von Laboe in solcher Menge auf, dass sie für das Thierleben Bedeutung gewinnen.

Wo Steine den Boden bedecken, entwickeln sich Büschel von Blasentang (Fucus vesieulosus L.) und Sägetang (Fucus serratus L.), welche Wohnplätze mancher Kruster, Weichthiere und Polypen sind. Grössere Massen von Blasentang bekleiden die Steine bei dem öffentlichen Badeplatze in Düsternbrook, die Uferdämme an der Mündung des Eiderkanals bei Holtenau, die Hafendämme bei Laboe und alle Steine, welche bei Kitzenberg, Möllenort, Grasberg, Bülk und Stein am Grunde ausgestreut liegen. Sägetang haben wir nur im äussern Theile der Bucht, in grösserer Tiefe bei Bülk mit Blasentang zusammen ge- funden. Hier kommen stellenweis auch Massen von Stilophora paradoxa J. Ac. vor. Auf tiefen Stellen der Bucht, neben der tiefsten, mit schwarzem Schlamm ausgefüllten Thalrinne bilden Ceramiaceen dunkelrothe

Wiesen, in welchen die vorherrschenden Arten Furcellaria fastigiata Ac., Polyides rotundus Arescn.,

THIERE DER STRANDREGION UND DES GRÜNEN SEEGRASES. XI

Ceramium rubrum Ac., Cer amium tenuissimum J. Ac., Polysiphonia elongata As. bilden, während Rhodomela subfusca Ac., Delesseria sanguinea Ac., Delesseria sinuosa und Phyllophora Brodiaei J. As. nur zerstreut auftreten. In diesen Tiefen findet man auch vereinzelte Exemplare von Laminaria saccharina L.

Die wirbellosen Thiere der Kieler Bucht bewohnen hauptsächlich folgende Regionen: 1) den flachen sandigen Strand; 2) das grüne Seegras; 3) die Schicht des abgestorbenen, verwesenden

Seegrases; 4) die rothen Algen; 5) den schwarzen Schlamm in der tiefsten Rinne.

I. In der flachen sandigen Strandregion machen sich die Sandschnüre des Piers, Arenicola piscatorum L., bemerklich, neben welchem sich häufig Cardium edule L. und Mya arenaria L. eingraben. Auf Steinen hängen an manchen Stellen zahlreiche Sandkornröhrchen von Spio selicornis Fan. Liltorina littorea L., Liltorina tenebrosa Mont. und Rissoa ulvae Prsn. kriechen oft zahlreich in kleinen Lachen um- her, die sich bei niedrigem Wasser zwischen Steinen und in flachen Vertiefungen bilden. Unter den dann trocken gelegten Steinen sind nicht selten Gesellschaften von Jaera, Sphaeroma und Planarien versammelt. Hin und wieder trifft man darunter auch Gorophium longicorne Fasz. und Anthura gracılis Most. an. Gran- gon vulgaris Fans. ist hier lange nicht so häufig, wie auf den breiten Sandstränden der deutschen Nordsee- küsten; dagegen ziehen im So mmer dichte Schaaren von Sägekrabben, Palaemon squilla L., im flachen Wasser entlang, wo ihnen Abends die Krabbenfischer grosse Kätscher langsam entgegenschieben. Ein- zelne Taschenkrebse, Carcinus maenas L., spähen überall nach Beute umher, und lassen sich im Hafen oft von Knaben überlisten, die ihnen an Angeln befestigte Miessmuscheln, ja sogar glänzende Knöpfe vorlegen, mit welchen sie aus dem Wasser geschleudert werden, sobald ihre Scheeren gierig darnach greifen.

I. Die Region des grünen Seegrases, welche meistens 3 bis 4, selten 5 bis 6 Faden tief reicht, ist reicher belebt, als der flache Sandstrand. Das nahe am Wasserspiegel wachsende Seegras ist im Sommer von unzähligen Individuen der Rissoa labiosa Moxt. bedeckt. Zieht man den Kätscher eine Strecke weit durch dasselbe hin, so kann man Hände voll von diesen kleinen Schnecken herausnehmen. Gewöhnlich hat man mit ihnen auch Seenadeln (Syngnathus acus L., S. Iyphle L. und $. ophidion L.) gefangen. Am Seegras wohnen auch verschiedene Varietäten von Lacuna vincta Most. und legen daran ihre nierenförmigen Eierhäufchen ab. Die Region des Seegrases nährt viele Hinterkiemer, besonders Gymmobranchien. Polycera ocellata hält sich gern in geringeren Tiefen von wenigen Fussen bis 2 oder 2'% Faden auf Ulven und Seegras auf; weiter hinunter trifft man Aeolis Drummondi und alba häufiger, und noch tiefer halten sich Aeolis rufibranchialis, Doris proxima, Doris muricata und Polycera quadrilineata auf. Manche dieser Schnecken steigen im Anfange des Sommers aus den noch kühlen Tiefen an langen Seegras- blättern bis an die wärmere Oberfläche herauf und schweben daselbst mit abwärts gekehrtem Rücken hin. In dieser Lage haben wir oft grosse Exemplare von Aeolis Drummondii und alba aufgefischt. Elysia viridis und Pontolimax capilatus sind auch Bewohner der Seegrasregion.

An Seegrasblättern sitzen schöne durchsichtige Seescheiden, Ascidia intestinalisL., fest; Membra- nipora Flemingü Busk bildet darauf kleine Gruppen. Schaaren von Mysis fleeuosa Mürı., Gammarus locusta Mosr., Amphitoö und Idotea trieuspidata Desm. verkriechen und nähren sich in den dichten Seegraswiesen.

Im Sommer kriechen viele junge Seesterne, Asteracanthion rubens L. auf dem Seegras umher.

Auf Fuecus vesiculosus, der bei Düsternbrook und Holtenau in dieser Region auftritt, halten sich

Littorina obtusata L. und Sphaeroma sp. auf.

X EINLEITUNG.

Ein eigenthümlicher Platz in der Region des Seegrases ist der flache Theil der Rhede von Laboe. Der Boden ist sandig und schlammig und dicht mit Ulven bewachsen, worauf Schaaren von Rissoa ulvae Penn. und Littorina tenebrosa Moxr. leben. Im Sande ist Spio seticornis sehr häufig und im schwarzen

Schlamme leben Capitellio capitata Lu. und eine Gltellio-Art.

III. Die Region desabgestorbenen, verwesenden Seegrases von 3 bis 6, an einigen Stellen sogar bis 10 Faden Tiefe, wird noch von manchen nackten Hinterkiemern bewohnt, die schon als Insassen der grünen Seegrasregion genannt wurden, nämlich von Aeolis Drummondü, Ae. rufibranchialis, Ae. alba, Doris muricata, D. proxima, Pontolimax capitatus und Elysia viridis. Die letzte dieser Schnecken wurde im Winter wiederholt in zahlreichen Gesellschaften in derselben angetroffen. Ihr vorwiegender Bewohner ist jedoch Acera bullata, wovon fast jeder Zug des Schleppnetzes viele Exemplare zu Tage fördert. Zieht man es im Frühling über den Grund, so sammelt sich auch der Laich dieser Schnecke darin an, bisweilen so reichlich, dass man Hände voll davon herausnehmen kann.

Ein recht häufiger Bewohner des abgestorbenen Seegrases ist die kleine Terebella zostericola Oersp., die eine Schleimröhre an die Blätter klebt, woraus sie sehr lange, hin- und hertastende Fühlfäden hervor- streckt. Eine ähnliche Wohnung bauet sich hier auch Nereis zostericola Oersp. auf den braunen Zostera- Blättern. Dynamena pumilal., Campanula geniculata Eıuıs entwickeln auf ihnen ihre zierlichen Büsche und auch die Strobilaformen von Medusa aurita Per. und Cyanaea capillata Escn. nehmen darauf Platz. Zwi- schen den Massen des faulenden Seegrases, die das Schleppnetz gewöhnlich schnell füllen und das Auf- ziehen desselben sehr erschweren, trifft man stets auch Würmer an, besonders Polynoe- und Nereis-Arten, Eulalia, Nephthys borealis OErsv., Eteone pusilla Oersv., Caslalia punctata Oersn., Scoloplos armiger Mexr., Oncholaimus-Arten, Polystemma roseum Oersv. und Nemertes gesserensis Mt.

In sandigem Boden unter dem todten Seegras hält sich Gardium faseiatum Moxr. auf, und im Winter ziehen sich auch Palaemon squillaL., Mysıs flexuosa Mir. und Asteracanthion rubensL. in diese Tiefen zurück.

An der Oeffnung der Bucht, bei Bülk, besteht der Seeboden aus unfruchtbarem Sand und Steinen, worauf kein Seegras gedeihen kann. Hier wachsen aber fast auf jedem Steine Büschel von Blasentang, zu dem sich in grösseren Tiefen auch Sägetang gesellt. Diese Tange sind die Vertreter des grünen und todten Seegrases in den ihren Regionen entsprechenden Tiefen.

Die Thierbevölkerung dieser Gegend ist nur spärlich, aber eigenthümlich. Nur hier haben wir einige Schalen von Amphisphyra hyalina Turr. gefunden und Chiton cinereus L. und Acmaea testudinalis Mir. von heraufgehobenen Steinen, Tangblättern oder Schalen lebender Littorinen abgenommen und einige Exemplare von Astarte suleata va Costa an tiefen Stellen mit dem Schleppnetz gefangen. Littorina obtusata L., Cynthia rustica Mvrr. und Spirorbis nautiloides Lv. findet man auf Blasentangbüscheln gewöhnlich in zahlreichen Gesellschaften und neben ihnen einzelne Lacuma vincta Mose. Häufig bilden auch Moosthiere ‚Sarcochitum poiyoum Hassaıı und mehre Aleyonidium-Arten) und Gruppen der zierlichen Glava multicornis Pırr. Ueberzüge ihrer Blätter, zwischen welchen sich der schöne, kirschroth gefleckte Gammarus Sabinei Leacn einzeln verbirgt. Zuweilen begegnet man schwimmenden Blasentangbüscheln, die entwe- der von grossen Steinen losgerissen wurden oder sich mit ihrem kleinen Steine in die Höhe hoben, weil die Entwickelung der Lufthöhlen ihr spezifisches Gewicht so sehr verminderte, dass sie der Stein nicht mehr am Boden halten konnte. Mit ihnen steigt dann auch die thierische Bevölkerung an die Oberfläche und wird endlich irgendwo an den Strand geworfen, dem auf diese Weise auch mancher Stein aus der Tiefe

zugeführt wird.

THIERE DER ROTHEN ALGEN- U. SCHWARZEN SCHLAMMREGION. XI

Grössere Steine tragen oft auch Ueberzüge eines Schwammes (Halichondria panicea Paıı.), worauf sich Nymphon grossipes Mvrr. gern aufhält. Von Würmern findet man auf ihnen Castalia punctata, Spio seticornis Far., Polynod, Terebellen und verschiedene Turbellarien (Polystemma und Monocelis). Auch sind sie der gewöhnlichste Wohnplatz der diekhörnigen Seerose (Tealia crassicornis Ln.).

IV. Die Region der rothen Algen von 5 bis 10 Faden Tiefe nährt die grösste Sternschnecke der Bucht, die Doris pilosa, die zarte Ancula cristata und die schwarzgestreifte Polycera quadrilineata. Die letztere steigt jedoch auch in die beiden nächst höheren Regionen hinauf, wie umgekehrt Elysia viridis aus den Seegrasregionen zu den rothen Algen hinunter geht. Embletonia pallida und E. Mariae führen hier auch ihr verborgenes Leben.

Grenella discors Woon liebt es, sich zwischen den Zweigen rother Algen festzusetzen. Wachsen diese auf schlammigem Grunde, so sind sie oft auch von Molgula tubularıs Raruke , einer fast kugelrunden Seescheide bewohnt, die sich gern mit todten Pflanzenstückchen beklebt. Auf den Algenzweigen siedeln sich auch Kolonien von Aleyonidien und Crisien an.

In dieser Region kommen Stenorhynchus phalangium Ln., Hippolyte Gaimardi Evw. und Podopsis Slabberii van Ben. zerstreut vor; häufiger als diese ist Gammarus Sabinei Leacn hier. Die dünnleibigen Kruster: Caprella linearis Hssr. und Leptomera pedata Mürr. wohnen hier gesellig auf Algen und Schwäm- men, worauf sich ihre Hinterbeine festklammern, während sich der Vorderkörper aufgerichtet mit den tastenden Fühlern und Fangbeinen umherwiegt.

Siphonostoma plumosum Mürr. hängt durch zahllose, schleimige Fäden in den Algenzweigen fest. Ein kleiner grüner Seeigel; Echinus miliaris Leske, scheint nur vereinsamt daran herumzukriechen. Lucer- naria quadricornis Mürr. haben wir nur als seltenen Bewohner der Bucht in dieser Region angetroffen.

An tiefen sandig-lehmigen Stellen zwischen Friedrichsort und Bülk lebt der Riese unserer Gymno- branchien: Aeolis papillosa, und auf ähnlich beschaffenen Gründen an der Mündung der Bucht liegen Bänke von Cyprina islandica L. Zerstreut kommt diese grosse Muschel binnenwärts bis in die Nähe des Hafens vor; auf ihrer Schale sitzen ebenso wie auf Mytilus edulis, manchmal Gruppen von Balanus cre- nalus Brus. Auf den tiefen Sandgründen an der Mündung der Bucht, wo Stein- und Goldbutt gefischt wer-

den, lebt Fusus antiquus L. und trägt auf seiner Schale oft Bryozoen.

V. Die Region des schwarzen Schlammes in 6, gewöhnlich in 7 bis 9, seltener bis I1 Faden Tiefe, ist durch viele eigenthümliche Thierarten und durch Reichthum an Individuen ausgezeichnet. Sie beherbergt die kleine Gylichna truncalta Terr. und Philine apertaL. Gerithium retieulatum va Cosr., Buccinum undatum L. und Nassa reticulata L. (stets mit Hydractinien auf ihrer Schale) kommen zwar auch in den Regionen des todten Seegrases und der rothen Algen vor, allein in Schlammgrund, der viel zerfallene Reste todten Seegrases enthält, sind sie weit zahlreicher und auch grösser. Crenella nigra Gray spinnt sich hier an Steinen oder an kleinen Büscheln von Miessmuscheln fest, die sich auch in diesen dunklen Tiefen durch ihren Byssus vor Anker legen. Corbula nucleus Lux., Solen pellucidus Pexn., Syndosmya alba Woo», Scerobieularia piperata Gum. und Tellina solidula Pvır. sind Muscheln, welche fast überall im schlammigen Grunde leben. An manchen Stellen ist die kaum linsengrosse Montacuta bidentata Most. überraschend häufig.

Von Krusten!hieren geht nur Cuma Rathki Kröv. in diese Region, wo sie überall, in den

Schlamm eingegraben, lebt.

XIV EINLEITUNG.

Hier ist das eigentliche Reich der Würmer. Nephthys boreatis Oersv. und Scoloplos armiger Mixr. entführt fast jeder Schleppnetzzug aus ihren dunklen Wohnplätzen an’s Tageslicht. Leucodore ciliata Joussr. lebt in Röhren von Schlammtheilchen gesellig auf lebenden und todten Cyprinen, auf gesunkenen Holz- und Lederstücken im Hafen. Mehr zerstreut schlängeln sich Phyllodoce mucosa Orrs»., Eleone pusilla Oers». und Cephalothrix coeca Oersn. durch den lockern Schlamm. Terebellides Strömiü Sars, und eine Species Sabellides bauen sich hier walzenförmige dickwandige Röhren aus Schleim und Schlamm und Amphitrite auricoma Sav. sucht daselbst Sandkörnchen für ihren Köcher zusammen. An flacheren Stellen dieser Region, besonders nahe bei der Stadt leben auch zwei verschiedene Dipteren-Larven im weichen Boden. An einigen der tiefsten Punkte ist der finstere Grund dicht mit biegsamen, schlammbedeckten Röhren einer kleinen Sabelle (Chone papillosa Sars) gespickt, und wühlen zwei bleiche, augenlose Würmer: Priapulus caudatus Lnk. und Halieryptus spinulosus Sws. im schwarzen Moder. In dieser Tiefe halten sich auch die grössten Exemplare von Asteracanthion rubens L. auf. Diese Seesterne und auch Buceinum undatum fan- gen sich gewöhnlich an den auf den Grund gesenkten Angeln der Fischer; sie mögen also wohl die daran befestigten Würmer ebenso gern fressen, wie die Schollen, welche man damit ködern will. Ungemein zahlreich ist ein hübscher, ziegelrother Schlangenstern: Ophiura albida Fors., und eine kleine freie

Seerose: Edwardsia duodecimeirrata Sars im weichen Moder der Schlammregion.

Ausser den angeführten Regionen, den natürlichen Bezirken der Angehörigen unserer Fauna, müssen wir noch einige künstliche, vom Menschen bereitete Ansiedlungsstätten mancher Thiere betrachten, nämlich die Holzwerke der Häfen, die Landungsbrücken, Fischkästen, die schwimmen- den Badeschiffe und ruhig liegenden Böte, und die Bäume, woran Miessmuscheln gezogen werden.

Auf der Oberfläche der Hafenpfähle und -Bretter, der Badeschiffe, Böte und Landungsbrücken, siedeln sich, so weit sie unter Wasser stehen, Miessmuscheln (Mytilus edulis L.) an, deren junge Brut oft wie ein dichter Rasen darauf wuchert. Zwischen oder auf ihnen wachsen nicht selten Büschel von Campanularia genieulata Err. und Eudendrium rameum Euse., auf denen Aeolis exigua und Aeolis Drum- mondü im Jugendalter gern weiden. Am 17. November 1861 fanden wir einen grossen Fischkasten im Hafen, den die Fischer, um ihn zu reinigen, aus dem Wasser gezogen hatten. Ihn bedeckte ein dichter grauer Rasen von Eudendrium rameum, der sich in der kurzen Zeit zweier Monate darauf entwickelt hatte; denn am 17. September desselben Jahres hatte man den Kasten, frisch getheert, in das Wasser gebracht.

Inwendig im Holze, das im Wasser steht, bohren Teredo navalis L. und Teredo norvegica SPEnGL. ihre Wohngänge und tapeziren sie mit einer dünnen Kalkschicht aus. Ein alter Lotse in Laboe erzählte uns, dass er in seiner Jugend nichts von diesen Thieren gesehen und gehört habe. Er sei einmal im Sommer 1835 mit seinem Boot vier Wochen lang im Hafen von Gappeln (an der Schlei) geblieben. Nach der Rückkehr nach Laboe habe er mit Schrecken feine Löcher in seinem Boot bemerkt, es sofort für einige Zeit aufs Trockne gebracht und getheert. Allein Niemand habe sich dann mehr seinem Bnote vertrauen wollen, so sehr habe man sich vor der Zerstörung des neuen Wurmes gefürchtet. Also seit jener Zeit erst kennt man den Schiflsbohrer in Laboe, wo er jetzt in den Hafenpfählen ein ganz gemeines unangenehmes Thier ist.

Die reichsten unter den künstlichen Wohnplätzen in der Kieler Bucht sind die Muschelpfähle. So heissen die Bäume, welche die Fischer von Ellerbeck, einem alten malerischen Fischerdorfe, das Kiel gegenüber liegt, auf den zu ihren Häusern gehörenden Plätzen unter Wasser pflanzen. Zu solchen

Muschelbäumen werden vorzugsweise Ellern benutzt, weil sie billiger als Eichen und Buchen sind, die

THIERE AN MUSCHELPFÄHLEN. XV

jedoch auch dazu dienen. Diesen Bäumen nimmt der Fischer die dünnsten Zweige, schneidet die Jahres- zahl in den Stamm, spitzt ihn unten zu, und setzt ihn mit Hülfe eines Taues und einer Gabel in der Region des lebenden oder todten Seegrases auf zwei bis drei Faden Tiefe fest in den Grund. Das «Setzen» der Muschelbäume geschieht zu jeder Jahreszeit, «gezogen» werden sie aber nur im Winter, am häufigsten auf dem Eis, da dann die Muscheln am besten schmecken und ungefährlich sind. Die Muschelbäume ziehen sich an beiden Seiten der Bucht dem Düsternbrooker und Ellerbecker Ufer entlang, gleichsam wie unter- seeische Gärten, die man nur bei ruhiger See unter dem klaren Wasser sehen kann. Treiben anhaltende Westwinde viel Wasser aus der Bucht hinaus, so vagt wohl hier und da die höchste Spitze eines Baumes über den niedrigen Wasserspiegel heraus. Sonst bleiben sie immer bedeckt und unsichtbar.

Wir haben oft Muschelpfähle ziehen lassen, um die Bewohner derselben zu sammeln und uns dabei an den Hantirungen und Bemerkungen der Ellerbecker Fischer ergötzt. Sie haben Kähne von uralter Form mit Nachem Boden und steilen Seitenwänden, und rudern dieselben mit spatenförmigen Schaufeln. Den Stand ihrer Muschelpfähle wissen sie durch Merkzeichen am Lande, die sie aus der Ferne fixiren, aufzufinden. Und wenn sie über einem Baum angekommen sind, so treiben sie eine Stange in den Grund, um den Kahn daran festzubinden; dann schlingen sie ein Tau um einen Haken, führen dieses unter Wasser um den Stamm des Muschelbaumes herum und winden denselben damit in die Höhe. Sobald er erst aus dem Grunde gezogen ist, hebt er sich viel leichter, erscheint dann bald an der Oberfläche und wird so weit über das Wasser gehoben, dass die Muscheln von den Zweigen gepflückt werden können. Gewöhn- lich sind diese dicht besetzt. In Büscheln und Klumpen hängen daran grosse Muscheln, die ihre Byssus- fäden entweder am Holze oder an den Schalen ihrer Nachbarn festgesponnen haben, und zwischen ihnen und auf ihren Schalen wimmelt es von verschiedenen Thieren.

Auf den stärkeren Aesten sitzen häufig Seesterne, mit Muscheln im Magen, also im Begriff zu speisen, unbeweglich fest. Braune Seenelken (Actinoloba dianthus Err.) und grosse Seescheiden (Ascidia canina Mir.) sind einzeln zerstreut oder gruppenweis darauf angesiedelt. Fleischfarbige Nereiden schlängeln sich zwischen den schwarzen Muscheln hin; Schuppenwürmer (Polynoe) kriechen langsam über die Schalen und Nemertinen gleiten im schlüpfrigen Ueberzuge des Baumes +«lahin. Unter der Rinde liegen dünne Fadenwürmer (Oncholaimus) zusammengeknäuelt und im Innern des Holzes wohnen Schiffsbohrer.

Wenig Schalen der Miessmuscheln sind rein und unbewohnt; oft sitzen die Polypenformen der Ohren- und Haarqualle darauf; viele tragen Actinien, Ascidien und Stöcke von Campanularia geni- culata Eır., Eudendrium rameum Euse. und Sarsia tubulosa Less., worin sich nackte Fadenschnecken (Aeolis Drummondi, Ae. rufibranchialis, Ae. exwigua) und Dendronotus arborescens aufhalten. Von diesen retten sich viele schon während des Aufziehens, indem sie sich von dem emporkommenden Baume abfallen lassen, vor den Netzen und Händen der Sammler, die sie mit Betrübniss in die Tiefe hinabsinken sehen müssen.

In der Kieler Bucht werden jährlich gegen tausend Muschelpfähle gesetzt und ebensoviel gezogen, nachdem sie drei bis fünf Jahre gestanden haben, denn so viel Zeit braucht die Miessmuschel, um sich zu einer beliebten Speise auszubilden. Auf dem Kieler Markte kommen im Jahre ungefähr 800 Tonnen Muscheln zum Verkauf, wovon jede durchschnittlich 4200 Stück enthält; also werden zusammen in einem Winter 3,360,000 Stück geerntet. Es giebt gute und schlechte Jahrgänge, und zwar nicht blos in Rück-

sicht der Menge, sondern auch der Qualität der Muscheln.

XV EINLEITUNG.

Die sesshaften und kriechenden Thiere haben in ihren Regionen eine beschränkte Heimath, deren Grenzen wenige überschreiten; die schwimmendenThiere dagegen bewegen sich uneingeschränkter durch ein weiteres Gebiet. Unter diesen erregen in der Kieler Bucht zwei Quallenarten: die Haarqualle (Cyanaea capillata Esen.) und die Ohrenqualle (Aurelia aurita Pzx.) die Aufmerksamkeit eines Jeden, der im Sommer daselbst badet oder eine Wasserfahrt unternimmt. Die weisslich durchscheinenden Öhren- quallen schwimmen bisweilen so dichtgeschaart zusammen, dass die Böte nur schwer hindurch zu bringen sind und ein in ihren Haufen hineingestecktes Ruder darin aufrecht stehen bleibt. Die grössten, einen Fuss breiten Exemplare sieht man in den wärmsten Monaten. Im Mai trifft man gewöhnlich nur zwei- zöllige Exemplare an, während in diesem Monat die gelben Haarquallen schon in bedeutender Grösse auftreten. Die letztere Art fanden wir in der Mitte des Dezembers noch häufig und gewöhnlich mit Em- bryonen, deren Strobilaformen im Februar an Muschelpfählen vorkommen. Im Spätsommer und Herbst sieht man viele Ohrenquallen mit durchlöcherten Scheiben. Diese Zerstörung schreiben die Bootsleute und Fischer allgemein den Makrelen zu. Rührt sie wirklich von ihnen her, so werden die Fische zu diesen Angriffen wahrscheinlich durch die ihnen als Speise angenehmen Ayperien verlockt, welche in den Brut- höhlen der Quallen, klein und gross, schmarotzen.

Aurelia aurita und Cyanaea capillata nähern sich nur dei ruhigem Wetter der Oberfläche und senken sich bei Wind und Regen in die Tiefe hinab. Herrlich ist die Erscheinung der Haarquallen an warmen Sommerabenden, wenn sich der Wind legt und die See ruhig und glatt wird. Dann tauchen sie um das Schiff her aus der Tiefe empor und schweben mit leisen Zuckungen langsam vorbei; und die Fäden am Glockenrande, welche im unruhigen Wasser kurz und unordentlich verschlungen herabhängen, ziehen dann, viele Fuss lang ausgedehnt und schön geordnet wie langes gekämmtes Haar hinter ihnen her. So erschienen sie uns einst als die wundervollsten Bilder abendlichen Friedens vor der Flensburger Föhrde, als die Segel unserer Jacht schlaff geworden waren, und die Sonne über Alsen glühend unterging und den stillen Spiegel der See mit Gold und Purpur überhauchte.

Im Frühling beleben auf kurze Zeit eine Rippenqualle (Gydippe pileus Escen.) und einige Hy- dromedusen (Lizzia, Euphysa und Thaumantias) die Oberfläche des Busens und sammeln sich bisweilen im Hafen reichlich zwischen den Schiffen an.

An ruhigen warmen Abenden im Frühling, Sommer und Herbst, wenn das Meer leuchtet, ist die Oberflächenfischerei am lohnendsten. Dann fängt man zahlreiche Schnecken-, Muschel-, Wurm- und Seesternlarven, Appendieularien, Sagitten, Evadnen, Cyclopiden, Rotatorien und Peridinien. Unter den Muschellarven trafen wir an Augustabenden besonders auch den CGyphonautes in grosser Zahl.

Den mikroskopischen Thieren unseres Gebietes durften wir noch nicht viel Aufmerksamkeit zu- wenden, um den anderen desto mehr Zeit widmen zu können. Nur drei wollen wir erwähnen, da sie zuweilen durch ihr massenhaftes Auftreten im Aquarium schon dem unbewaflneten Auge auffallen, nämlich Garchesium polypinum Ense., Stentor multiformis Mir. und Freya aculeata Cu. Leun. Die Carchesien sitzen im Winter in solchen Mengen an den Aquarienwänden, dass diese davon überall weiss getüpfelt erscheinen. Stentor multiformis bildete auf Furcellarien so dichte Ueberzüge, dass wir vor der mikroskopischen Unter- suchung derselben meinten, sie seien aus Gesellschaften von Moosthieren zusammengesetzt. Freya aculeata befestigt ihre glashelle, Naschenförmige Röhre gern nahe unter der Oberfläche an der Glaswand.

Von essbaren Fischen werden in der Kieler Bucht hauptsächlich folgende Arten gefangen: der Dorsch, Gadus callarias L., von Anfang September bis Ende April; der Wittling, Gadus merlangus L.,

am häufigsten im Winter; die Goldbutt, Pleuronectes platessa L. und die Steinbutt, Rhombus mawi-

.

DAS FISCHEN UND SAMMELN. SCHLEPPNETZ, HAARSIEB, KÄTSCHER. XV

mus L., vom April und Mai bis Ende September auf tiefen Sandgründen vor der Mündung der Bucht; der Häring, Clupea harengus L., von Anfang September bis Ende April im ganzen Hafen; die Sprott, Clupea sprattus C., von Anfang September bis Ende Dezember, und eine geringere Qualität im März und April; der Hornhecht, Belone vulgaris Var., im Mai und Juni; der Aal, Anguilla fuviatilis L., das ganze Jahr hindurch; die Makrele, Scomber scombrus L., von Anfang Juli bis Ende September; die Aal- mutter, Zoarces viviparus L., im Mai und Juni. Häufig kommen noch folgende nicht benutzte Arten vor: Cottus scorpius L., Gobius niger Scnonev., Gobius bipunctatus Yar., Gasterosteus spinachia L., Gasterosleus aculeatus L., Syngnathus acus L., S. typhle L. und S. ophidion L.

II. Das Fischen und Sammeln.

Die Bewohner des Grundes fischen wir mit einem Schleppnetz, dessen Gestell aus zwei pa- rallel durch einen Bogen und eine Schneide verbundenen, ungefähr zwei Fuss langen Eisenstäben besteht. Jener 11% Fuss breite und ®%, Fuss hohe Bogen, und die Schneide bilden die Oeflnung des Netzbeutels, der an allen Gestelltheilen befestigt ist. Anfangs hatten wir einen engmaschigen Fischernetzbeutel; jetzt benutzen wir dazu groben für Wollstickereien gebräuchlichen Stramin, der bei genügender Haltbarkeit sich durch engere Maschen auszeichnet. Seiner Anwendung verdanken wir erst die Entdeckung mancher kleinen Thiere unseres Gebietes, z. B. der Cylichna, Montacuta und Edwardsia, besonders nachdem wir auch auf den Gedanken gekommen waren, den feinen Schlamm der Thalrinne der Bucht aus dem Netz in ein Haarsieb zu schöpfen und unter der Wasserfläche so lange wegzuspülen, bis die kleinen Schlamm- bewohner frei werden. Auf diese Weise gelang es z. B. die Montacuten so rein und so zahlreich zu gewinnen, dass wir sie nicht mehr einzeln auslasen, sondern gleich mit Hornlöffeln schöpften und in die Gläser warfen.

Ist das Schleppnetz mit Pflanzen angefüllt, so schütten wir den ganzen Inhalt in ein flaches Fass, um ihn hier zu durchsuchen. Zarte rothe Algen werden in Glashäfen mit klarem Wasser vertheilt und später, wenn sie sich ruhig ausgebreitet haben, wiederholt nach Thieren durchmustert.

Es ist auch zweckmässig, die Seepflanzen in Schüsseln unter wenig Wasser einige Stunden ruhig stehen zu lassen. Dann kriechen die meisten Schnecken heraus und versammeln sich an der Oberfläche, während sich die Würmer am Boden des Gefässes, im Dunkeln verbergen. Manche Würmer, die im Moder wohnen, versammeln sich in ganzen Knäueln unter leeren Muschelschalen, die mit ihnen aus dem Grunde kamen, wenn man den ausgesiebten Fang in flachen Schüsseln in’s Helle stellt.

Im flachen Wasser, wo die Seepflanzen bis nahe an die Oberfläche wachsen, kann der Kätscher zum Fang von Schnecken angewendet werden. Die Steine, woran an der Mündung der Bucht Seetange wachsen, lässt man vom Boot aus mittelst Haken vom Grunde in die Höhe heben, nimmt sie in das Boot und sucht ihre Bewohner ab. Das Steineheben verstehen die Schiffer von Laboe sehr gut ; denn viele dieser

Leute machen ein Gewerbe daraus, auf diese Weise Steine zu sammeln und sie zum Bauen zu verkaufen.

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. An

XVII ‚EINLEITUNG.

Wenn die Fischer Muschelpfähle aufziehen, um die Miessmuscheln abzupflücken, lassen sich, selbst wenn der Hafen mit Eis bedeckt ist, Rissoen, Aeolidien, Dendronotus, Würmer, Seesterne und Polypen sammeln. In den Monaten, wo keine Miessmuscheln geerntet werden, ist das Aufziehenlassen von Muschel- pfählen kostspieliger, als das Miethen eines Bootes zur Schleppnetzfischerei, welche auch in der Regel eine weit reichere und mannigfaltigere Ausbeute, als die Muschelpfähle, liefert.

Bei niedrigem Wasser ist das Absuchen der trockengelegten Steine, das Aufgraben des Sandes nach Muscheln und Würmern und das Durchsuchen der Lachen nach kleinen Krustern und Schnecken lohnend.

Beiläufig sei bemerkt, dass man Abends an den Steinen der Hafenmauer ein eigenthümliches Küsteninsekt aus der Familie der Lepismatiden, den Petrobius marilimus Leacn, fangen kann. Es verkriecht sich, wenn es beunruhigt wird, schnell in den Ritzen der Mauer.

Zur Abfischung der Oberfläche dient ein kleiner flacher Kätscher aus sehr feinem Düll und ein Beutel aus eben solchem Zeug, welcher um einen hölzernen Ring gespannt ist. Dieser hängt hinten am Boot, jener wird an einem kurzen Stabe in der Hand gehalten, während das Boot sanft und langsam fortgleitet. Der Inhalt beider wird wiederholt in einer Schüssel abgespült und dann mit dem Mikroskope untersucht.

Zum Aufpumpen des Wassers aus der Tiefe wenden wir eine kleine Saugpumpe aus Kupfer an, woran ein langer Gummischlauch mit viertelzölliger Wanddicke und halbzölliger Oeffnung befestigt ist. Das untere Ende des Schlauches ist durch ein kegelförmiges Gefäss von Kupfer verschlossen, dessen Boden feine Löcher hat, durch welche nur kleine Körper in die Röhre eindringen können. Das aufgepumpte Wasser fliesst in einen Beutel von feinem Düll, der im Wasser hängt, damit zarte Thiere nicht durch den Anschlag an das Gewebe verletzt werden. Der Anwendung dieser Pumpe verdanken wir die Entdeckung lebender Foraminiferen im Kieler Hafen.

Thiere, die wir längere Zeit lebend erhalten wollen, bringen wir in Glashäfen, verschliessen diese mit Düll und setzen sie in ein Hütfass. Dies ist eine kleine Art Fischkasten von Kahnform, der ein wagerechtes Brett mit Löchern enthält, in welche die Glashäfen hineinpassen. So lange unser Fahrzeug vor Anker liegt, schwimmt das Hütfass mit den Gläsern im Wasser daneben. Es taucht so tief ein, dass die Gläser stets unter Wasser sind. Soll gesegelt werden, so ziehen es zwei Mann in die Höhe und setzen es auf Deck, bis das Fahrzeug wieder vor Anker geht.

In solchen mit Düll oder Leinwand überbundenen Glashäfen bringen wir unsere Thiere in Körben, deren Raum in Fächer abgetheilt ist, auch lebendig nach Hamburg, um sie zu weiteren Untersuchungen in Aquarien zu halten.

Wir haben das Glück gehabt, zwei Bootsleute zu finden, die uns bei unsern Fischereien mit uner- müdlichem Eifer helfen. Es sind die Brüder Geors und Frienrıcn Horn, mit deren Boot wir entweder ausfahren, oder die unsere Jacht Marie führen und bedienen. Diese vortrefflichen Leute erkennen fast jedes Thier wieder, das sie wiederholt mit uns gefangen haben. Sie werfen mit seltener Ausdauer vom Morgen bis Abend die Netze aus und durchspähen mit uns das Aufgebrachte nach Thieren und sind jetzt so eingeschult, dass sie uns alle häufigeren Thiere auf Verlangen schicken, wenn nur Wind und Wetter

zum Fange derselben günstig sind.

VERGLEICHUNG DER FAUNA DES KIELER BUSENS MIT DER DES SUNDES U. DER BELTE. XIX

IV. Vergleichung der Fauna des Kieler Busens mit Faunen anderer Meeresgegenden.

Im Jahre 1862 machten wir in Troscner’s Archiv für Naturgeschichte einen Ueberblick der von uns in der Kieler Bucht beobachteten wirbellosen Thiere bekannt. Hat sich die Zahl derselben seitdem auch erfreulich vermehrt, so sind doch alle Thiere unseres Gebietes und der ganzen Ostsee zusammen- genommen nur eine armselige Erinnerung an die schöpferische Kraft des Oceans in der heissen Zone. Ja selbst im Vergleich mit freien Meeren gleicher und höherer Breiten ist die Ostsee nur ärmlich aus- gestattet, weil sie ein schwach gesalzener, flacher und kalter Meeresarm ist, der nur schmale Verbindungen mit der Nordsee hat und dieser mehr Flusswasser zuführt, als sie ihm belebtes und belebendes Salzwasser wiedergiebt.

An den Pforten der Ostsee, im Sunde und in den Belten, lebt daher schon eine weit grössere Anzahl von Seethieren, die auch Bewohner der Nordsee sind, als in den inneren Becken des baltischen Meeres. A. S. Orrsten fand im Sund (die Infusionsthiere nicht mitgerechnet) 427 Arten, wie er pag. 84 seiner vorzüglichen, reichhaltigen Schrift: De regionibus marinis. Elementa topographica historiconaturalis freti Öresund. Havniae, 1844, mittheilt, und im dritten Kapitel: De regionibus animalium in freto, durch eine Aufzählung der Species ausführlicher zeigt.

Wir selbst haben im kleinen Belt zwischen den Inseln Fänö und Fünen während eines andert- halbtägigen Aufenthaltes im Mai 1863 ausser vielen bei Kiel vorkommenden Arten noch einige Thiere gefangen, die, unseres Wissens, noch Niemand im Innern der Ostsee gesehen hat, nämlich: Doto coronata Gueı., Saxicava rugosa L., Flustra foliacea L. und Solaster papposus Fors. Und im grossen Belt, wo wir nur einige Stunden fischten, als nach einer schnellen Morgenfahrt von Aarhuus ab gegen Mittagszeit eintretende Windstille unsere Jacht mitten zwischen Fünen und Seeland ruhig stehen liess, brachte jeder Aufzug des Schleppnetzes Thiere empor, die nicht bis in die Kieler Bucht nach Süden gehen. Es waren folgende, 1% Faden tief auf steinbedecktem Grunde wohnende Arten:

Trochus cinerarius L. Psolus phantapus L.

Aporrhais Pes Pelecanı L. Echinus dröbachiensis Mixx. Scalarıa commaumis Lam. Echinocyamus angulosus L£ske. Eulima distorta Desn. Amphidetus cordatus Penn. Trophon clathratus L. Ophiopholis aculeata Miır. Leda caudata Doxov. Ophiura texturata Fors Sazxicava rugosa L. Noniommna crassula W aık. Balanus porcatus va Costa. Bulimina scabra Wırurams. Pomatocerus trieuspis Pnur. Milhiolina seminulum L.

Einige wirbellose Thiere werden, ebenso wie manche Fische (Trigla hirundo L., Raniceps fuscus Srk.), wie es scheint, nur einzeln von den Pforten der Ostsee südwärts bis nach Kiel versprengt, z. B. Lucernaria quadricornis Müır., Rhizostoma Cuvierii Per. und Pagurus Bernhardus L.

”*

xx EINLEITUNG.

Ueber die Thierwelt der weiter nordwärts, den Belten näher liegenden Buchten, sind wir noch sehr ungenügend belehrt. Wir selbst haben in der Flensburger und Eckernförder Bucht an eini- gen Stellen das Schleppnetz ausgeworfen und daselbst ganz ähnliche Bodenverhältnisse wie im Kieler Busen gefunden und Thiere verschiedener Klassen angetroffen, welche auch bei Kiel leben. Das einzige bei Kiel noch nicht beobachtete Thier, welches uns diese wenigen Untersuchungen lieferten, war Pan- dalus annulicornis Leacn, der aus einer 16 Faden tiefen Stelle der Eckernförder Bucht heraufkam. Die Mollusken, welche J. O. Semper bei Flensburg und Eckernförde fand und im Archiv des Vereins der Freunde der Naturgesch. in Meklenburg 1862, p. 168—169, namentlich angeführt hat, beweisen gleich- falls die Aehnlichkeit der Fauna dieser Schleswig’schen Föhrden mit der der Kieler Bucht.

Von den südlichen Ufern der Ostsee sind bis jetzt nur wenig wirbellose Thiere bekannt ge- worden durch E. Boıı (Archiv.d. Ver. d. Freunde d. Naturg. in Meklenburg, I, p. 89 ff), M. Schutze (Archiv f. Naturg. 1849, I, p. 270 und Dess. Beiträge zur Naturgesch. der Turbellarien, 1851), C. v. Sırroıw (Zeit- schrift £. w. Zool. XI, 1861, p. 13) und C. Merrexnuemer (Zoolog. Garten II, 1861, p- 200 u. 217). Herr Medizinalrath Merresuemmer fischte im August 1864 einige Mal bei Dobberan mit dem Schleppnetz und hatte die Güte, uns von seinem Fange mitzutheilen. Derselbe bestand zwar nur aus einer geringeren Anzahl von Thieren unserer Fauna, zeigte aber dennoch ein mannigfaltigeres und reicheres Thierleben an, als man bisher in dieser Gegend der Ostsee vorhanden glaubte.

Um Einiges über die Belebung der Küsten von Bornholm zu erfahren, schickten wir unsern Fischer Grors Horn im Herbste 1863 mit Netzen und Gläsern nach dieser Insel. Er fischte am westlichen und östlichen Ufer derselben vom 20. Oktober bis zum 2. November und brachte von allen gefundenen Thieren todte und lebende Exemplare nach Hamburg. Es waren folgende:

Succinea oblonga Drar. Spirorbis nautiloides Lan. Neritina fluviatilis L. Planaria torva Mir.

Rissoa ulvae Penn. Dendrocoelum lacteum Mürr. Pontolimax capitatus Mir. Palaemon squilla L. Littorina littorea L. Crangon vulgaris Fas. Mytilus edulis L. Mysis fleeuosa Müır. Gardium edule L. Gammarus locusta Mont. Tellina solidula Purr. Idotea tricuspidata Desn. Sarcochitum polyoum Hass. Sphaeroma sp.

Piscicola sp. Jaera sp.

Nereis diversicolor Mvıı. Larven von Phryganea und 3 verschie-

denen Zweiflüglern.

Die Bornholmer Exemplare von Fucus vesiculosus und serratus, die lebend mit ankamen, waren kleiner als die bei Kiel wachsenden und das Wasser war weniger gesalzen. Wir füllten damit ein Aquarium, worin die Bornholmer Thiere lange lebten und die Pflanzen ihrer Heimath allmälig aufzehrten.

Die Insel Bornholm liegt in demjenigen Theile des baltischen Meeres, worin der Salzgehalt nicht über 8 p. mille zu steigen scheint. Es ist daher erklärlich, dass ihre Küstenfauna See- und Brackwasser- thiere enthält. Ob sich die Thierwelt an der Ostseite Rügens und an den Pommerschen Küsten ebenso verhält, wissen wir nicht, doch lässt uns die Grösse der Schalen von Mya arenaria,Cardium edule und Tellina solidula, die wir am Ostseestrande bei Swinemünde fanden, schliessen, dass hier die Verhältnisse

für marine Thiere günstiger sind, als bei Bornholm.

FAUNA DER ÖSTL. KÜSTE DES BALT. MEERES. NORW. UND BRIT. FAUNA. XXI

Nach Mippenporrr (Bull. phys. math. St. Petersbourg, T. VIII. 1850, p. 65 oder Frorır’s Tages- bericht Nr. 229, 1850, Zool. Bd. II. p. 1) und A. Hexscne (Schriften d. phys.-ökon. Ges. zu Königsberg 1861, p. 90) sollen an den östlichen Ufern der Ostsee nur noch sechs Mollusken vorkommen : Hydrobia baltica Nirs. (wohl Rissoa ulvae Penn.), Neritina fluviatilis, Mytilus edulis, Mya arenaria, Tellina solidula und Cardium edule. Von andern Thieren werden auch noch Medusa aurita, Cyanaea capillata, Gammarus und Idotea entomon als Bewohner dieser Gegenden angeführt. Sind die genannten Beobachter der Thiere des grossen baltischen Östseebeckens auch darin einig, dass die Fauna desselben nicht selbständig sei, sondern einen sehr verarmten Zweig der Nordseefauna ausmache, der immer mehr verkümmere, je mehr der Salzgehalt abnehme und die Winterkälte wachse: so werden sie doch Alle zugestehen müssen, dass ihre Schlüsse fast nur auf die Thiere der Strandregion gebauet sind, die im westlichen Becken der Ostsee gleichfalls so wenig belebt ist, dass vor den Untersuchungen des Grundes in der Kieler Bucht die Tiefen der Ostsee hier für ebenso spärlich bewohnt gehalten wurden, wie der vor Augen liegende, unfruchtbare Strand. Es sind nur die Säume des Schleiers, der den Grund des baltischen Meeres bedeckt, hier und da aufgehoben ; das grosse innere Gebiet desselben hat noch Niemand durchdrungen. Reich- thümer wird er nicht verhüllen, aber doch ein Leben verbergen, das einer ernsten Untersuchung werth ist, sei es auch nur um die vielfachen äussern Bedingungen genau festzustellen, welche dasselbe begün- stigen oder beschränken. Wir rufen daher die Zoologen an den baltischen Küsten auf, ihr Seegebiet in geringeren und grösseren Tiefen mit dem Schleppnetz zu erforschen.

Die Fauna der Kieler Bucht lässt sich mit einigen wohldurchforschten Gebieten ausserhalb der Pforten der Ostsee viel genauer vergleichen, als mit irgend einem andern Theile innerhalb derselben, da hier nirgend das Schleppnetz so vielmal über den Grund gegangen ist, wie bei Kiel.

Die Thiere des Kieler Busens (Embletonia Mariae ausgenommen, die aber höchst wahrscheinlich auch in der Nordsee leben wird) wohnen auch an den Küsten von Norwegen und Grossbritannien; denn sie stehen alle in den Verzeichnissen von Lov£x (Index molluscorum litora Scandinaviae oceidentalia habitantium, 1846), M. Sars (Beretning om en i Sommeren 1849 foretagen zoologisk Reise i Lofoten og Finmarken), D. C. Danıerssen (Beretning om en zoologisk Reise i Sommeren 1858), Gosse (A Manual of Marine Zoology for the British Isles 1855—56), R. M. Anprew (List of the british marine invertebrate fauna. London 1860) u. A. Dass die Summe der Kieler Seethiere nur einen geringen Bruchtheil dieser reichhaltigen Faunen ausmacht, würde man gewiss auch dann noch natürlich finden, wenn die Ostsee ebenso salzig wie die Nordsee wäre; denn es treten zu dem geringen Salzgehalt des Kieler Busens noch andere wichtige Eigenschaften hinzu, die gegenüber jenen Gebieten die Zahl seiner Bewohner bedeutend einschränken müssen. Er ist nur zwei Meilen lang, während sich jene Gebiete über Hunderte von Meilen erstrecken; seinen Bewohnern ist eine Wasserschicht von geringen Tiefen angewiesen, wohingegen die Thiere an den skandinavischen und britischen Küsten mehre hundert Faden tief gehen können; sein Wasser erkaltet bis zum Nullpunkt von der Oberfläche an bis auf den Grund hinab und ist fast in jedem Winter mit Eis bedeckt; ihm fehlen Klippen, die beliebtesten Ansiedlungsplätze von Seethieren, gänzlich, und die der Verbreitung und Erhaltung vieler Thiere günstige Wasserbewegung, die in der Nordsee die Gezeiten täglich zweimal wiederholen, wird nur, wenn anhaltende Winde wehen, in einem geringen

Maasse durch das Steigen und Sinken des Wasserspiegels, ersetzt.

XXI EINLEITUNG.

In der Kieler Bucht kann also nur eine Auswahl von solchen Nordseethieren bestehen, welche alle diese beschränkenden Verhältnisse vertragen können. Da nun die Ausbreitung der Thiere viel weniger von der mittleren Jahreswärme, als von der niedrigsten Wintertemperatur ihres Wohnplatzes abhängt, so ist es sehr natürlich, dass bei Kiel nur Thiere wohnen, welche kaltes und wenig tiefes Wasser vertragen können. Die meisten derselben gedeihen an den Küsten Norwegens bis zum 70sten Grade N. B., also um 15 Grad oder 225 geographische Meilen dem Eispol näher als in der Kieler Bucht, und diejenigen Arten, welche sie mit Grossbritannien gemein hat, bewohnen dort vorzugsweise die Laminarienregion, zwischen den Grenzen der Fluth und Ebbe und kleine Buchten der schottischen und der westenglischen Küste, wie z.B. den Firth of Forth bei Edinburg, den Busen bei Liverpool, den Dee bei Chester und ähnliche andere.

Die Regionen, in welchen die Thiere der Kieler Bucht stufenweis neben und unter einander leben, können mit den von Sars, Forses und andern Forschern für die Nordseeküsten angenommenen Regionen nicht parallelisirt werden; sie sind vielmehr hauptsächlich als Gürtel mit verschiedenem Nahrungs- grunde aufzufassen, denn sie rücken höher oder tiefer und werden in demselben Maasse breiter oder schmäler, in welchem sich die ihnen eigenthümliche Bodenbeschaffenheit ausdehnt. Uebrigens schwanken nach J. Gwyn Jerrreys (British Conchology I, 1862. p. 106) die Grenzen der Regionen an den britischen Küsten aus denselben Ursachen nicht unbedeutend, wofür er als Beispiele Cyprina islandica und Mytilus edulis anführt, die daselbst von der Ebbelinie bis zu 140 Faden Tiefe vorkommen. An den Küsten Norwegens und der Lofoten gehen unsere Arten gewöhnlich auch in viel grössere Tiefen hinunter, als sie in der Kieler Bucht erreichen können; z. B. Cyprina islandica, Montacuta bidentata, Nassa reticulata, Chiton cinereus, Siphonostoma plumosum und Scoloplos armiger 20—40 Faden tief; Philine aperta, Cerithium retieulatum, Amphitrite auricoma bis 60, und Terebellides Strömü sogar bis 200 Faden tief.

Zoogeographisch betrachtet, gehört die Kieler Bucht mit der ganzen Ostsee zu der borealen Provinz des europäo-afrikanischen Reiches, nach der Eintheilung, die Kererstein in seiner Fortsetzung zu Bronv’s Klassen und Ordnungen des Thierreichs, II, p. 1108, für die Verbreitung der See-Mollusken aufgestellt hat.

CHAR. D. OPISTHOBRANCHIA. STUFENFOLGE D. KIEL. GYMNOBRANCHIA. XXI

V. Von den Hinterkiemern im Allgemeinen.

Die erste Abtheilung unserer Fauna der Kieler Bucht handelt von den Hinterkiemern oder Opisthobranchien. Mit diesem Namen bezeichnete Mırxe Epwarns in: Note sur la classification naturelle des Mollusques gasteropodes (Ann. des sc. nat. Zoologie. 3 Serie IX. 1848 p. 102) eine Gesammtheit bauchfüssiger Seeschnecken, die folgende wesentliche Eigenschaften haben:

Die Gefässe, welche das arterielle Blut in das Herz führen, treten von hinten her in dieses hinein. Die Vorkammer des Herzens liegt hinterwärts von der Kammer und die Athemorgane, falls sie als Kiemen gesondert ausgebildet sind, befinden sich hinter der Vorkammer. Mit diesen Eigenschaften ist stets eine geschlechtliche Eigenthümlichkeit vereinigt: alle Hinterkiemer besitzen nämlich zugleich männliche und weibliche Geschlechtstheile (wie die Landschnecken), während die Vorderkiemer (Pro- sobranchia) entweder männliche oder weibliche Thiere sind. Bei dieser andern Abtheilung von Bauchfüss- lern liegt die Vorkammer vorwärts von der Kammer und vor jener die Kieme. Das arterielle Blut strömt also von vorn her in das Herz hinein.

Da nicht alle Opisthobranchia besondere Athemorgane besitzen, so deutet dieser Name nicht auf eine allen gemeinsame Eigenschaft hin: eine Mangelhaftigkeit, die vielen naturgeschichtlichen Benennun- gen eigen ist. Die Namen der Gesammtheiten von Thieren oder Pflanzen, in deren Bau wir einen Styl erkennen. sind Erfindungen des Verstandes, der leicht und gern scharfe Grenzen denkt, auch da wo die Natur keine gezogen, sondern verknüpfende Uebergangsformen hingestellt hat. Eine solche Uebergangs- form ist Pontolimax capitatus, welche am Anfange unsrer Kieler Opisthobranchia steht. Sie ist ein Hinter- kiemer im Plattwurmstyl, woher es auch sehr erklärlich ist, dass sie O.F. Mürrer und O.Fasıcıws (Vergl. S.5) für einen wahren Plattwurm hielten. Ihr Körper hat keine Spur von Rückenanhängen zur Vergrösse- rung der athmenden Oberfläche, welcher Einrichtung man bei ihren nächsten im Schneckenbaustyl schon etwas weiter ausgeführten Verwandten begegnet. Daher stellen wir sie als unsere unvollkommenste Art an den Anfang der Gymnobranchia, der ersten Ordnung unserer Hinterkiemer, deren nächste, etwas vollkomm- nere Form in Elysia viridis dargestellt ist; denn diese besitzt an jeder Seite des Körpers einen Haut- lappen, worin sich Athemgefässe ausbreiten. Beide Gattungen haben ähnlich gebaute kieferlose Mundmassen und eine einfache Reihe von Zähnen auf der Zunge. Auf Elysia lassen wir die Familie der Aeolididen folgen, welchen zahlreiche symmetrisch geordnete Rückenpapillen als Athemwerkzeuge verliehen sind. Die Höhlen dieser Papillen kommuniziren mit der Verdauungshöhle, sind mit Leberzellen ausgekleidet und gehen in einen Nesselzellen-Sack über, der seinen Inhalt durch eine Oeffnung an der Papillenspitze aus- stossen kann.

Die Nesselzellen entstehen in grösserer Anzahl in einer Mutterzelle (S. S. 34 die Tafel von Aeolis papillosa, Fig. 8), sind eiförmig oder walzlich und stossen einen langen Faden aus, der am Grunde gewöhnlich mit spiralig angeordneten Härchen besetzt ist. (S. S. 42 die Taf. von Aeolis rufibranchialis Fig. 12).

Die überleitende, zwischen Elysia und Aeolis stehende Form fehlt unserer Fauna. Es ist die Gattung Hermaea Lov., eine Schnecke in Aeolidien-Form, in deren Rückenpapillen die Leber ebenso feine Verzweigungen hinein sendet, wie sich bei Elysia viridis in den grossen Seitenlappen verbreiten , welche deswegen als Stellvertreter der Rückenpapillen der Aeolididen, gleichsam als Verschmelzungen solcher

angesehen werden können. Man vergleiche Arper und Haxcocx’s Brit. Nudib. Moll. Pl. 39, Fig. 3 u. % und

XXIV EINLEITUNG.

Pi. 43. Fig. 16. Ferner besitzt Hermaca auch ähnliche zusammengerollte, hohle Fühler wie Elysia, und ihre Zunge trägt zufolge der Abbildung, die ALner und Hancock Pl. 43, Fig. 15 ihrer Brit. Nudib. Moll. davon geben, eine einfache Reihe von Zähnen, die den Elysia-Zähnen sehr ähnlich sind, und die in gleicher Weise, wenn sie den arbeitenden Theil der Radula verlassen haben, vorn unter der Zunge liegen bleiben, wie C.Senper in einem Reisebericht aus Manilla in der Zeitschrift für wiss. Zoologie 1863, p.563 mittheilt.

Von den Aeolididen der Kieler Bucht reihen wir an Elysia viridis zunächst Embletonia Mariae an, weil ihre Zungenzähne einige Aehnlichkeit mit den Elysia-Zähnen haben (Taf. I.). Die Zähne von Emble- tonia pallida haben eine vollkommnere, gezackte Krone, als die der Embletonia pallida. Die Gattung Embletonia ist nur durch den Mangel von Vorderfühlern oder Tastfäden an den vorderen Ecken des Kopfes von der Gattung Aeohidia unterschieden, deren Arten wir so aneinander reihen, wie die Ausbildung der Radula steigt.

Aeolis alba, Aeolis Drummondü und Aeolis papillosa haben wie die Embletonien nur eine einfache Reihe von Zähnen (Taf. II). Bei Aeolis alba ist die Krone derselben einfach, bei Aeolis Drummondii an den Seiten gezackt, bei Aeolıs papıllosa in viele gleichförmige Spitzen zertheilt. Die Radula von Aeolis erigua und Aeolis rufibranchialis trägt Mittel- und Seitenzähne (Taf. III). Die Seitenzähne von Aeolis exigua sind ganzrandige Dreiecke; die Seitenzähne von Aeolis rufibranchialis hingegen sind durch Zacken an einer Seite weiter ausgebildet.

Dendronolus arborescens stellen wir, Arver und Hancock folgend, zu den Aeolididen. Sie ist eine Uebergangsform, worin der äussere Bau der Tritoniden mit dem innern der Aeolididen vereinigt ist; denn obgleich die Rückenanhänge wie bei den Tritoniden verzweigt sind, so ist doch wie bei den Aeolididen, die Verdauungshöhle noch in Zweige getheilt, die bis in jene Anhänge hineindringen. Man vergleiche hierüber Arver und Hancock, Brit. Nud. Fam. 3. Pl. 2. Im Bau der Radula ist ein noch weiterer Schritt zu grösserer Vollkommenheit gethan, indem die Zahl der Seitenzahnreihen gesteigert wurde. Diese Eigenschaft nähert die Bäumchenschnecke ebenfalls den Tritoniden. Dabei ist jedoch die Muskulatur der Zunge wesentlich so, wie bei den Aeolidien, was ein vergleichender Blick auf die Durchschnitte, die wir von den Mundmuskeln der Aeolis Drummonduü Taf. II. Fig. 9 und des Dendronotus arborescens Taf. IN. Fig. 10 gegeben haben, zeigen kann.

Dergleichen Uebergangsformen sind redende Beispiele eines Gesetzes, woraus ein grosser Theil des Reichthums der organischen Gestalten entspringt. In ihnen sind nämlich Eigenschaften verknüpft, die in verschiedenen Typen getrennt auftreten. Nur die Verknüpfung ist eigenartig und neu, während das, was vereinigt wurde, schon in anderen Wesen gesondert besteht.

Die Familien der Pontolimaciden, Elysiiden und Aeolididen sind niedrigere Stufen der Gymnobran- chien als die Dorididen, da ihre Ernährungsorgane einen unvollkommnern Bau haben; denn ihre Verdauungshöhle verzweigt sich im Körper. die Leber ist keine abgegrenzte Drüse, und ihre Athe m- organe haben sich entweder gar nicht von dem allgemeinen Hautüberzuge gesondert oder sie bestehen nur aus gleichförmigen Ausstülpungen an der Seıten- und Rückenfläche des Körpers. In den Dorididen hin- gegen folgt auf den Magen ein einfaches Darmrohr und die Leber ist eine von dıesem abgesonderte Drüse. Dieser Zug nach Sonderung und Konzentrirung der Organe bei den Dorididen thut sich auch in der Ein- richtung ihrer Kiemen kund, die sich um einen Punkt gruppiren und die bei geringerem Umfange, als die Athemorgane der Aeolididen besitzen, dadurch eine grössere Athemiläche gewinnen, dass sie sich feder- förmig verzweigen.

Die Dorididen der Kieler Bucht gehören drei Gattungen an: Ancula, Polycera und Doris. Ancula

DIE ZÄHNE DER HINTERKIEMER. XXV

und Polycera sind schlanke, fast aeolidienförmige Thiere. Beide stehen sich sehr nahe und können als eine kleine Gruppe der vollkommnern Gattung Doris gegenübergestellt werden; diese besitzt nämlich eine besondereHautdecke über demKopfe und Rücken, von welcher bei den Polycerinen nur Spuren als Haut- kämme auftreten. Jene Hautdecke wird gewöhnlich Mantel genannt, obgleich sie keine so beschränkte Stelle einnimmt und keinen Schalenstoff absondert, wie bei den beschalten Bauchfüsslern. Sie ist der hauptsächlichste Sitz der Kalkkörper, welche bei manchen Arten die Warzen des Rückens steif und rauh machen (S. S. 70 u. 74). Auffallend ist die Abwesenheit dieser Bildungen in der Haut von Polycera

ocellata und Ancula eristata in der Kieler Bucht, da sie doch in Nordsee-Thieren derselben Arten entstehen. Näheres hierüber findet man in den Beschreibungen dieser Arten S. 52 und 60.

Unter den Pomatobranchien ist Philine aperta die unvollkommenste Form unserer Fauna, da ihre Schale gänzlich im Mantel verborgen liegt, und weniger als bei den übrigen entwickelt ist. Sie ist der einzige augenlose Bauchfüssler unsrer Fauna. Acera bullata lässt ihre mehr gewundene Schale schon etwas aus dem Mantel hervortreten, kann sie aber fast ganz unter den Säumen ihres Fusses verbergen, die eine solche Breite erreichen, dass sie als Schwimmflossen dienen können (S. S. 85), während sich bei Philine dieselben Theile nur als schmale Wülste an den Seiten des Fusses in die Höhe biegen. Mit Cylichna trun- cata, die sich, gleich einem typisch ausgebildeten Vorderkiemer, ganz in ihre Schale zurückziehen kann, schliessen wir die Beschreibungen der Kieler Opisthobranchia ab, da wir von Amphisphyra hyalina bis jetzt keine lebenden Exemplare, sondern nur einige Schalen gefunden haben.

In der vorstehenden Begründung der Stufenfolge unserer Hinterkiemer wiesen wir bei einigen Familien darauf hin, dass sie in Subfamilien getheilt werden könnten, ohne dies jedoch in dem systemati- schen Theile dieses Buches (etwa ebenso, wie die Gebrüder Anans in ihren Genera of recent Mollusks Vol. II) auszuführen; denn wir wollten den Ueberblick des Gemeinsamen unserer wenigen Gattungen nicht durch Aufstellung zu vieler Gruppen erschweren.

Da in den neueren Beschreibungen und Eintheilungen der Schnecken mit Recht viel Werth auf die Radula gelegt wird, so unterwarfen wir die Zunge bei allen unseren Hinterkiemern einer möglichst genauen Untersuchung und ruheten nicht eher, als bis wir uns eine Vorstellung von der allseitigen kör- perlichen Ausdehnung und Form derselben verschafft hatten, obgleich zur Bestimmung der Species eine obere Ansicht der Radula, die man leicht durch Ausbreitung derselben erhält, in den meisten Fällen ausreichend sein mag. Die Untersuchung der körperlichen Form kostet freilich viel Material und nimmt viel Mühe und Zeit in Anspruch. Man muss sie mit schwachen Vergrösserungen anfangen, muss die un- bedeckten Zähnchen unter dem Mikroskop in Bewegung setzen und sie mit einfachen Lanzetten und klei- nen Doppelmessern nach verschiedenen Richtungen durchschneiden, um sich vor Täuschungen zu bewah- ren. Dannwird man endlich dahin gelangen, aus vielen Ansichten und Zeichnungen diejenigen auszuwählen und zu vereinigen, welche die Körperlichkeit so getreu darstellen, dass darnach vergrösserte Modelle der Zähne ausgeführt werden können.

Die Radulazähne, die Haut, worauf sie festsitzen (das sogenannte Zungenband) und die Kiefer unserer Hinterkiemer bestehen aus einem chitinartigen Stoffe, der in Kali sehr schwer löslich ist. Erst nach I! stündiger Behandlung mit starker kochender Kalilauge hatten sich die vorher zerschnittenen Zähne von Aeolis papillosa, alba und Drummondii aufgelöst. Das Zungenband, so wie kleine und dünne Kiefer

und Zähnchen leiden aber viel schneller, wenn man sie in Kali kocht ; deshalb haben wir unsere Unter-

ER? ; - - NIE: Meyer und Möbius, HHinterkiemer der Kieler Bucht.

XXVI EINLEITUNG.

suchungen meistentheils an lospräparirten und wenig gekochten oder nur mit kalter Kalilösung behandelten Zungen angestellt. Oft liessen wir auch die ganze Mundmasse in kalter Kalilösung so lange liegen, bis sie durchsichtig geworden war, um uns über die Lage der Radula sicher zu stellen, ehe wir an die Zerglie- derung derselben gingen. An Durchschnitten und Bruchflächen, und in einigen Fällen auch an der natür- lichen Oberfläche, erkennt man dünne Schichten in der Substanz der Zähne. Wir sahen sie besonders deutlich an Polycera-Zähnen, die einen Tag in Salpetersäure gelegen hatten, wodurch sie so weich geworden waren, dass sie unter dem Quetscher zersprengt werden konnten. Die Zähne aller Kieler Hinterkiemer sind voll und dicht; wenn ihre Basis konkav ist, wie bei den Aeolidien-Zähnen (Taf. II u. I), so kleidet das Zungenband die Höhlung aus. Feine Kanäle, wie in der Substanz der Carinaria- Zähne sehr deutlich zu sehen sind, fanden wir nur in den Zähnen der Philine aperta (Taf. VI, Fig. 6). (Vergl. Köruiker : Untersuch. z. vergl. Gewebelehre 1856, p. 50.)

Die jungen Zähne entstehen in dem sackförmig geschlossenen hinteren Ende der Radula- scheide, die häufig alseine kleine Papille hinten aus der Zungenmasse hervortritt. Hier liegen gewöhnlich wasserhelle Zellen mit Zellkernen in einer körnigen Flüssigkeit um die jüngsten Zähne herum, die noch farblos, weich und leicht biegsam sind und einen geringeren Umfang, als die völlig ausgebildeten Zähne besitzen. Auch fehlen ihnen stets die Zacken, welche bei vielen Arten die Kronen der ausgewachsenen Zähne tragen (Taf. II, Fig. 11). Aus dem Allen lässt sich schliessen, dass sie durch Auflagerung von Stoffen wachsen, welche ihnen die in lebhafter Vermehrung begriffenen Zellen ihrer Umgebung liefern. Die bern- steingelbe Farbe, welche dieZähne von Embletonia pallida, Aeolıs alba, Aeolıs Drummondi, Aeolis papillosa, Aeolis exigua, Aeolis rufibranchialis, Dendronotus arborescens, Polycera ocellata, Polycera quadrilineata, Doris pilosa (sehr wenig an der Zahnbasis), Doris pro.cima (schwach), Doris muricata (schwach), Philine aperta (schwach) und Acera bullata besitzen, tritt gewöhnlich erst am drittjüngsten Gliede ein. Die dicken Poly- cera-Zähne sind aussen bernsteinbraun, innen wasserhell, doch ist keine scharfe Grenze zwischen diesen beiden Abtheilungen zu bemerken, da die äussere nach und nach in die innere übergeht. Manche Zähne lassen sich durch Karminlösung färben, manche nicht; am schönsten röthete sich darin die Zunge von Aeolis papillosa, während Zähne von Pontolimax capitatus und Elysia viridis gar nichts Rothes aufnahmen. Die Farbe dringt gewöhnlich von der ganzen Oberfläche aus langsam in das Innere ein; doch röthet sich häufig die Basis schneller als die Krone! Bei sehr zarten farblosen Zähnen erleichtert die rothe Farbe die Erkennung der Form; so hat sie uns z. B. bei der Untersuchung der Ancula-Zähne einen guten Dienst geleistet.

Während hinten, im geschlossenen Ende der Radulascheide die neuen Zähne entstehen, fallen vorn am offenen Ende derselben die alten ab und gehen verloren oder sammeln sich in einer Ausbuch- tung am Boden der Mundhöhle an, wie wir bei Aeolis exigua (Taf. III) und besonders ausgezeichnet bei Elysia viridis und Pontolimax capitatus (Taf. T) gesehen haben, wo oft zwanzig bis dreissig abgefallene Zähne, also mehr als die ganze Radulahaut zur Arbeit dienende trägt, in einer sackförmigen Erweiterung dicht beisammen liegen. Diejenigen, welche darin am tiefsten liegen, sind am kleinsten; sie rühren also aus dem Jugendalter der Schnecke her ; immer grösser werdende folgen ihnen; die obersten im Sacke gleichen den vordersten auf der Radula, und diese endlich trägt die grössten, noch nicht abgenutzten an ihrem Hinterende, also neben der Stelle, wo die Ersatzzähne neu entstehen. Sind die Thiere ausgewachsen, so nimmt die Grösse der Zähne nicht mehr zu. Aus diesen Beobachtungen ergiebt sich, dass die Radulazähne nach und nach vorwärts rücken; und dies kann nicht anders geschehen, als durch ihren Träger, durch die

Radulahaut, woran sie festhängen, und deren Nachgiebigkeit allein ihnen gestattet, sich in die Höhe zu

KIEFER. ZUNGENKNORPEL. GRÖSSE DER ZÄHNE. XXVI

richten und niederzulegen. Da nun blos das vordere Ende dieser Haut lose auf der muskulösen Zungen- masse liegt, so wird der übrige, damit verbundene Theil die absterbende zahntragende Schicht in einer ähnlichen Weise fortbewegen, wie der junge Anwuchs des Fingernagels die todten Hornzellen in die Höhe hebt und vorwärts schiebt; denn das Zungenband gleitet nicht gleichwie ein Riemen auf einer Rolle um mit einem anderwärts angewandten Bilde zu reden frei auf seinem Träger vor- und rückwärts, ‘sondern folgt nur den Verkürzungen und Ausdehnungen, den Senkungen und Hebungen der Muskelmasse, auf der es festhängt. Davon haben wir uns bei allen bezahnten Hinterkiemern unserer Fauna überzeugt und auch bei Patella vulgata L. wesentlich Gleiches gefunden.

Die Zungenmuskeln der Aeolididen stützen sich auf zwei muschelförmige elastische Chitinplat- ten, welche man Kiefer genannt hat. Ihre äussere Fläche trägt nur dünne Muskelschichten, an der innern dagegen entspringen die kräftigsten Beweger der Radula:

1) ein mittler unpaarer muskulöser Radulaträger (T auf Taf. Il. und II), und

2) an den Seiten von diesem ein Muskelpaar, das wir Backenmuskeln nennen (BB eben- daselbst), und dessen Thätigkeit darin besteht, den ganzen Radulaträger auf den elastischen Kiefern vorwärts zu ziehen, damit er dann durch seine eigenen Muskelfasern die Zähne am geöffneten Munde zum Angriff stellen und darauf, von der zurückziehenden Elastizität der Kiefer unterstützt, wieder in das Innere hinein- führen kann. Das Einzelne hierüber steht in den Beschreibungen von Aeolis Drummondiü (S. 26) und Den- dronotus arborescens (S. 4%).

An den Aeolidien-Kiefern ist ein schmaler Fortsatz, der in eine dünnhäutige Spitze ausläuft. Bei den meisten Arten ist der gegen die Mundöffnung gekehrte Rand desselben mit Zacken besetzt. Diese sind bei Aeolis alba kegelförmig spitz und hohl und an sie schliessen sich auf der innern Fläche kleine Wärzchen an, die den ganzen Rand rauh machen. Zwischen diesen seitlich auseinanderweichenden Fort- sätzen treten die Zahnkronen aus dem Munde hervor, um die Speise zu ergreifen. Dass diese vorher, wie Aıver und Hancock annehmen, von jenen Fortsätzen abgeschnitten werden sollte, halten wir nicht für wahrscheinlich, da dieselben weit zarter und biegsamer als die Zähne selbst sind, und da ihnen auch keine besondern Schneidemuskeln zur Verfügung stehen. Wir glauben vielmehr, dass sie die Bestimmung haben, die Weichtheile des Mundes vor Verletzungen durch die arbeitenden Zähne zu schützen und beim Ver- schluss des Mundes feste Stoffe zurückzuhalten, während sie dem Wasser doch noch Ausgang gestatten ; denn bei den Dorididen und bei Acera bullata können sowohl die kleinen Kieferplatten als auch die warzen- und haarförmigen Besetzungen der chitinösen Haut, womit der Mund ausgekleidet ist, schwerlich einen andern Zweck erfüllen. (Vergl. S. 65).

Bei einigen unserer Schnecken enthält die Zunge abgegrenzte Zellenmassen, die den bei vielen Vorderkiemern beobachteten Zungenknorpeln entsprechen. Die Zunge von Elysia viridis enthält eine, die Zunge von Polycera zwei solche Massen. Dass sie den Aeolidien fehlt, finden wir deshalb sehr erklärlich, weil ihre Zungenmuskeln auf den grossen Kiefern ruhen; warum aber unsere Doris-Arten, wie auch Philine aperta und Acera bullata weder die eine noch die andere Art von Muskelunterlage besitzen, wissen wir nicht anzugeben. Allein diese Gattungen sind noch durch so viele andere Einrichtungen von jenen verschieden, dass man sich über den abweichenden Bau ihrer Zunge sicherlich nicht mehr wundern darf, als über das eigenthümliche Dasein dieser Schnecken überhaupt.

Wenn ein Organ in mehren Arten einer Thiergruppe bemerkt worden ist, so pflegt man es in allen Mitgliedern derselben zu vermuthen; doch sollte man es niemals mit einer solchen Sicherheit voraussetzen,

dass dadurch die freie Beurtheilung der Thatsachen gestört wird; man kann sonst verleitet werden, ge-

.-

XXVI EINLEITUNG.

zwungene Analogien aufzustellen, ja selbst in den Fehler zu verfallen, allen Arten einer Gruppe Etwas zuzuschreiben, was nur einigen eigen ist. Dies ist der Gattung Cylichna widerfahren, zu deren wesentlichen Eigenschaften in manchen geschätzten Büchern der Besitz einer Radula gezählt wird, obgleich die Cylichna alba unserer Fauna keine Spur davon hat. Sie macht damit jedoch keine einzelne Ausnahme unter den Hinterkiemern, da auch noch andere zahnlose Arten aus den Gattungen Rhodope, Doridium und Tethys bekannt geworden sind.

Neben die Abbildungen der Zähne ist der Umriss der natürlichen Grösse einer jeden Schnecke gesetzt, damit anschaulich werde, in welchem Verhältniss die Grösse des Thieres zur Ausdehnung seiner Zähne steht. Wird die Körperlänge mit I bezeichnet, so beträgt durchschnittlich:

die grösste Ausdehnung der Zähne (oder des e R Hauptzahnes in mehrgliedrigen Zungen) die Breite der ganzen Radula

bei Polycera ocellata 3 bei Polycera ocellata 4% Polycera quadrilineata z'5 Polycera quadrilineala +5 Doris pilosa s Acera bullata a Philine aperta Ar Doris pilosa ne Aeolis Drummondiü Bi Philine aperta Zr

E Pontolimax capıtatus 2 Doris muricata a Aeolis alba 77 Doris proxıma ne Embletonia pallida A Dendronotus arborescens —'5 Aeolis papillosa +45 Embletonia pallıda An Doris muricata 147 Aeolis papillosa 445 Elysia virıdis Fe Aeolis exigua en Embletonia Mariae ie Aeolıs Drummondiı a 'Aeolis rufibranchialis „4, Pontolimax capitatus 4% Doris proxıma nn Aeolis rufibranchialis 4 Aeolıs exigua = Embletonia Mariae + Dendronotusarborescens „4; Aeolis alba +45 Acera bullata Hr | Ancula eristata en Ancula cerıstata ee | Elysia viridis ins

Da sich der Mensch gern zum Mass der Dinge macht, so möge noch hinzugefügt werden, dass die Länge seiner Zähne ungefähr „'; seiner Körperlänge beträgt. Doch wollen wir hiermit nicht etwa ge- sagt haben, dass Menschen- und Schneckenzähne in jeder Hinsicht sich entsprechende Bildungen seien.

In welchem gesetzlichen Verhältniss der Bau der Radula zur Nahrung unserer Hinterkiemer steht, haben wir nicht ermitteln können. Nach unsern Erfahrungen lassen sie sich nicht streng in Pflan- zenfresser und Thierfresser abtheilen. Sahen wir einige auch Thiere, und andere Pflanzen verzehren, so dürfen wir daraus doch nicht folgern, dass sie immer nur die eine Klasse dieser Nahrung zu sich nehmen. Manche kriechen an den Wänden des Aquariums entlang und kratzen mit der Radula den aus mikroskopischen Thieren und Pflanzen bestehenden Ueberzug ab. Auf ähnliche Weise mögen sich die meisten Seeschnecken nähren, die man gewöhnlich auf Steinen umherkriechen sieht. Ein Exemplar von Aeolis erigua lebte isolirt in einem kleinen Gefäss, worin nur einige zarte rothe Algen waren, Monate lang gesund, wuchs zusehends und legte wiederholt Eier, ohne dass sie die Pflanze benagte oder mit

blossen Augen sichtbare thierische Nahrung genoss. Sie kann sich also nur von mikroskopischen Organis-

= ©

LAICHZEIT. OSTSEERASSEN. XXIX

men erhalten haben. Da nun solche sowohl auf lebenden Gewächsen, wie auf verwesenden Pflanzen- und Thierstoffen sehr gewöhnlich vorkommen, so muss man sehr vorsichtig sein, von der allgemeinen Beschaffenheit ihres Aufenthaltsortes auf die Klasse der Nahrungsmittel kleiner Schnecken zu schliessen, wenn die Untersuchung des Mageninhaltes keinen sicheren Aufschluss darüber giebt. Ebenso möchten wir auch bei dem heutigen Stande unserer Kenntnisse warnen, von der Form der Radula einen Schluss auf die Nahrungsstoffe zu machen.

Ist es auch möglich, dass eine Radula mit breiten, vielzähnigen Gliedern sich besser für Pflanzen- speise eignet, als eine Zunge mit einer einfachen Zahnreihe, so sind doch die vielzähnigen Glieder gewiss kein Hinderniss, auch thierische Stoffe aufzunehmen, wie z. B. Limax agrestis lehrt. der ausser Pflanzen auch todte Regenwürmer und Leichen seiner eigenen Art verzehrt, wie wir selbst gesehen haben. Werden doch selbst bei den Wirbelthieren die Beziehungen des Gebisses zur Nahrung oft viel strenger aufge- fasst, als die Natur zugiebt, die manchem spitzzähnigen Thiere auch Pflanzen zu verdauen gestattet, und manchen Stumpfzähner Fleisch geniessen lässt.

Die periodischen Thätigkeiten im Leben der Thiere hängen eng zusammen mit den klima- tischen Veränderungen ihres Wohnortes. Da diese nun in den Meeren anders erfolgen, als in der Luft, die über ihnen und ihren Küsten ruht, so ist es erklärlich, warum die Thätigkeiten im Lebenslaufe der See- thiere und Landthiere einer und derselben Erdgegend nicht immer gleichzeitig geschehen. Man darf sich daher nicht wundern, in der Kieler Bucht m jeder Jahreszeit, selbst, wenn sie mit dickem Eis bedeckt ist, in der Tiefe Eier von Schnecken und Würmern zu finden. Am 26. Jan. 1862 wurde vom Eise aus, das seit 8 Tagen das Wasser bedeckte, ein Muschelpfahl gezogen, woran Eierschnüre von Dendronotus arbo- rescens und Aeolidien hingen. Die meisten unsrer Hinterkiemer laichen jedoch vom Mai bis Juli am reich- lichsten, also in der Zeit, wo endlich auch die Temperatur der tieferen Wasserschichten, der Luftwärme folgend, schnell zunimmt. Und wie die Legezeiten nicht eng beschränkt sind, so haben auch die Individuen die Fähigkeit, in verschiedenem Alter zu wiederholten Malen Eier zu erzeugen. Daher ist es auch natürlich, dass man von den meisten Arten in allen Jahreszeiten grosse Exemplare fängt, obgleich die junge Brut bald nach der Zeit, wo die Eiererzeugung ihren höchsten Grad erreicht hatte, am zahl- reichsten erscheint. Unsere Opisthobranchien befestigen ihre Eier gewöhnlich an Pflanzen, während dieselben Arten an den britischen Küsten nach Aıper und Hancock hauptsächlich unter Steinen laichen. So können Thiere einer Art, wenn sie unter verschiedenen äusseren Verhältnissen leben, nicht allein in Grösse, Form und Farbe von einander abweichen, sondern auch anderen Gewohnheiten in der Verrich- tung wichtiger Lebensthätigkeiten folgen.

Es ist den ausführlichen Beschreibungen, welche Aıver und Hancock in ihrer herrlichen Monogra- phie der britischen Nudibranchien niedergelegt haben, zu danken, dass wir bei den im Kieler Busen lebenden Arten dieser Schneckenordnung auf eigenthümliche Abweichungen von den britischen Thieren hinweisen konnten. Wer unsere Beschreibungen und Abbildungen genau mit den ihrigen vergleicht, wird bei keiner Art eine völlige Uebereinstimmung finden, ja oft ansehnliche Verschiedenheiten zwischen beiden erkennen. So ist das Roth unseres Dendronotus und der Aeolidien und das Grün von Polycera ocellata heller und reiner, als bei Nordseethieren, bei welchen es durch Braun oder Grau mehr trüb und undurchsichtig erscheint, wie uns eigne vergleichende Beobachtungen lehrten und wie auch die Abbil-

dungen von Arver und Hancock sehr richtig zeigen. Selbst in der Form der Körpertheile und in den

XXX VERSETZUNG VON KIELER THIEREN IN NORDSEEWASSER.

Grössenverhältnissen derselben unter einander, also in Eigenschaften, für welche bei Thieren einer Art mehr übereinstimmende Beständigkeit, als in den Farben erwartet wird, weichen sie von den Nordsee- thieren ab. Einige sind kleiner, als die britischen Thiere, viele jedoch ebenso gross wie sie, manche sogar grösser. Man darf also nicht glauben, das Eigenthümliche, was die Östseethiere von den Nordseethieren unterscheidet, hinreichend bezeichnet zu haben, wenn man sie kurzweg mit zwei Worten » verkümmerte Nordseethiere« nennt. Da nun diese Eigenthümlichkeiten unserer Thiere, nach den Beobachtungen, die wir mehre Jahre hindurch an vielen Exemplaren anstellten, erblich sind, so müssen dieselben in einem ähnlichen Verhältniss zum Artcharakter stehen, wie die Rasseneigenthümlichkeiten bei Säugethieren und Vögeln. Unsere Hinterkiemer sind demnach gewissermassen als Ostseerassen anzusehen, von welchen bei manchen wiederum mehre Varietäten auftreten.

Wir sind uns wohl bewusst, dass die hier für sehr nahverwandte Formen unsrer Hinterkiemer gebrauchten Bezeichnungen: Varietät, Rasse und Art keine scharfen Grenzen ausdrücken, und haben auch nicht gefunden, dass die Natur solche scharf gezogen hätte. Wir wollten nur mit einem gebräuchlichen, an vergleichbare Anschauungen erinnernden Worte sagen, dass unsere Thiere beharrlichere, und in ihrer Abweichung von den Nordseethieren derselben Art beständigere Formen sind, als solche Abän- derungen, welche man Varietäten zu nennen pflegt. Jeder Naturforscher weiss, dass feste Begriffe für jene Ausdrücke noch gesucht werden, aber wir müssen sie oder andere von ähnlicher Bedeutung dennoch anwenden, wenn wir Systeme bauen wollen.

Die Thiere der Kieler Bucht verhalten sich nicht alle gleich, wenn sie n Nordseewasser versetzt werden. Palaemon squilla, Gasterosteus spinachia und die Syngnalhus-Arten können anfangs nicht in die Tiefe gehen. Wie sehr sie sich auch bemühen, die Oberfläche zu verlassen: das schwerere Nordseewasser hält sie einige Zeit wie festgebannt, oben wahrscheinlich so lange, bis es die inneren Theile durchdrungen und das leichtere Ostseewasser verdrängt hat. Sie leben aber in demselben dann ebenso gut fort, wie Littorina liltorea und Nassa reticulata, die gleich untersinken, wenn sie aus dem Ost- seewasser in Nordseewasser geworfen werden. Alle unsere Gymnobranchien und Asteracanthion rubens sterben jedoch bald im Nordseewasser, wahrscheinlich weil sie das plötzliche Eindringen desselben durch die verhältnissmässig grosse Fläche unbedeckter Oberhaut zu stark angreift; denn sie bleiben leben, wenn man ihr Wasser dadurch allmälig zur Dichte des Nordseewassers bringt, dass man solches tropfen- weis hineinfallen lässt. Am 6. Novbr. 1862 setzten wir Rissoa labiosa, Nassa reticulata mit Hydractinien auf der Schale, Doris muricata, Polycera ocellata, P. quadrilineata, Aeolis Drummondü, Elysia viridis und Asteracanthion rubens in ein Gefäss mit Ostseewasser und liessen ununterbrochen Nordseewasser hinein- tröpfeln. Gegen Ende des Januars 1863 hatte das Wasser fast die Konzentration von Nordseewasser er- reicht, und bis auf Aeolis Drummondü waren noch alle Thiere am Leben. Im Mai lebten noch Elysia viridis (verkümmert), Asteracanthion rubens und Nassa reliculata und die Hydractinien auf der Nassa-Schale

waren wohl entwickelt und ausgebreitet.

Klasse GASTEROPODA, Bauchfüssler,

Unterklasse OPISTHOBRANCHIA, Hinterkiemer.

Die Hinterkiemer sind bauchfüssige Weichthiere, deren Athemorgane und Vor- kammer hinter der Herzkammer liegen. Sie sind zweigeschlechtlich. Die Embryonen tragen eine Schale; die ausgebildeten Schnecken sind entweder nackt oder beschalt.

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. 1

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1. Ordnung: @YMNOBRANCHIA, Nacktkiemer.

Die ausgebildeten Thiere sind nackt und athmen entweder durch besondere Athemorgane oder durch die Haut.

1. Familie: Pontolimacidae.

Sie athmen durch-die Haut. Die Radula trägt nur eine einfache Reihe Mittelzähne. Der Mund ist kieferlos.

Pontolimax Creeun.

zovros, Meer; limax, Nacktschnecke.

Der Körper ist gestreckt, vorn stumpf, hinten zugespitzt, oben gewölbt. Der Kopf ist seitlich ausgedehnt; seine Seitenränder tragen einen Hautkamm. Besondere Fühler und Kiemen fehlen.

Pontolimax capitatus O. F. Mersen.

P. converus, capite isabellino,, dilatalo, ulrinque crista instructo. Dorsum fuscum , macula media magna, punclisque flavis ornatum. Cauda acuminata, flavo-pellucida, niveo-punctala. Anguli pedis anleriores

rolundati.

Die breitköpfige Lanzettschnecke.

Die grössten Exemplare waren 8 Mm. lang. Die grösste Breite liegt in der Mitte des Körpers, der sich nach ‚hinten spindelförmig verdünnt und nach vorn bis zum Kopf etwas verengt. Dieser erscheint, wenn seine Seitenlappen auswärts liegen, etwas breiter als die Verengung hinter ihm und ist vorn gerade abgestumpft oder ausgerandet. Die höchste Wölbung hat der Körper in der Mitte des Rückens.

Zwischen diesem und dem Kopfe ist eine Einsenkung.

=

PONTOLIMACIDAE.

Der Kopf fällt nach vorn zu ab und hat an der Seite einen Hautkamm, vor dessen hinterem Ende nach auswärts das Auge als schwarzer Punkt durch die Haut scheint.

Die Radula hat gewöhnlich 16—18 Glieder, und jedes Glied besteht nur aus einem Mittel- zahn. Sie ist durch eine spitzwinkelige Knickung in einen kürzeren Vorder-, und einen längeren Hin- terschenkel abgetheilt. (Taf. I. Fig. 7). Unter dem Vorderschenkel liegen in einer sackförmigen Höhle abgefallene ältere Zähne. (Fig. 7, Z.). In manchen Exemplaren konnten deren 20 30 unterschieden werden. Sie sind in derselben Richtung neben einandergeschichtet, in der sie auf der Zunge sassen: (lie Basen nach unten, die Kronen nach oben kehrend. Da imGrunde des Sackes die kleinsten Zähne liegen und über diesen stufenweis grössere, bis sie endlich mit den vordersten der Radula übereinstimmen, so kann kein Zweifel mehr sein, dass sie alte abgefallene Zähne sind und nicht eine Art Greifring, wie Aıver und Hancock glaubten (Ann. of nat. hist. 2. Ser. 1848. I.p. 407).

Die Basis des Zahnes ist, von unten gesehen, fast rechteckig, am Ende und an den Seiten etwas ausgeschweift und in der Mitte der Anwachsfläche der Länge nach ausgekehlt (Taf. I. Fig. 5, A.). Gegen die ‚Krone hin senkt sie sich abwärts und endigt an zwei warzenförmigen Vorsprüngen (Taf. I. Fig. %, 5). Die Seiten der Basis sind gewölbt, der Rücken trägt einen hochgebogenen Kiel, der, hinten getheilt, nach den abgerundeten Ecken ausläuft. (Fig. 6).

Die Krone ist unten löffelförmig ausgehöhlt, oben gekielt (Taf, I. Fig. 3—5). Gewöhnlich sind ihre Kanten ganzrandig. An einigen Zähnen war an einer Seite ein zahnförmiger Vorsprung, welcher in einen Ausschnitt im Kiel der Basis des vorhergehenden Zahnes passte. Dieses Verhältniss deutet auf

einen gemeinsamen Ursprung beider hin.

An jeder Seite des Zahnes läuft von der Spitze der Krone bis zum Ende der Basis eine Leiste entlang, welche in der Mitte, da wo sich eine Bucht zwischen den beiden Hochkielen einsenkt, am weitesten hervortritt.

Die Mundmasse (Taf. I. Fig. 7) ist seitlich zusammengedrückt und hat oben eine Längsfurche. Vorn unter dem Munde tritt ein Sack mit den abgeworfenen Zähnen hervor (Fig. 7, Z.) und hinter diesem der die Zungenpapille enthaltende Theil. (Fig. 7, P.) Die Speiseröhre zieht sich fast gerade nach hinten Fig. 7, S.). Sie ist von einer radial gefaserten Muskelmasse umgeben, über welcher noch eine (dünne Schicht von Ringfasern liegt. (Fig. 7, r, q.)

Vor dem Sack der abgefallenen Zähne, unter und über dem Hinterschenkel der Radula sind lange Muskelfasern, deren Verkürzung die Radula heben und zurückziehen kann. Neben der Speiseröhre liegen im hinteren Theile der Mundmasse gewöhnlich grosse Zellen (Fig. 7).

Der Penis tritt als spindelförmiger Körper unter dem rechten Auge über dem Fusse hervor (Fig. 3).

Der Fuss ist in der Mitte parallelseitig, läuft hinten in eine lange Spitze aus und hat vorn zwei abgerundete, wenig entwickelte Lappen, vor welchen sich die Mundfläche gewöhnlich halbmondförmig ausbreitet (Fig. 3).

Der grösste Theil des Rückens hat eine braune Grundfarbe mit eingestreueten fahlgelben Punkten. Die am höchsten gewölbte mittelste Stelle des Rückens ist gelb. Oft zieht sich diese Farbe von oben bis an die Seiten des Körpers verschmälert herab (Fig. 2. 3).

Das Hinterende ist durchscheinend gelb, undurchsichtig weiss punktirt.

Ebenso der Kopf; doch zieht sich von dem Braun des Vorderrückens ein dunkler Streifen bis

zum Vorderrande hin und bisweilen sind auch die sonst gewöhnlich durchscheinenden Hautkämme

PONTOLIMAX CAPITATUS. 5

schwach gebräunt. Die dunkle Farbe des Vorderrückens grenzt sich gewöhnlich scharf gegen das Hell der Kopfseiten ab, so dass das schwarze Auge sehr deutlich hervorsticht (Fig. 2).

Die Sohle ist durchscheinend gelbweiss, undurchsichtig weisspunktirt, die Mundfläche gelblich (Fig. 3).

Die Eier liegen in einer an beiden Enden abgerundeten kleinen Schnur, die wir, 5 Mm. lang und 1 Mm. breit, zu Anfang des März beobachteten (Fig. 9).

Wir fanden diese kleine Schnecke in allen Jahreszeiten auf Seegras in geringeren Tiefen und erhielten sie wiederholt Monate lang in kleinen Gefässen, worin Seegras, Rhodomeleen, Polysiphonien oder Ceramien waren. ;

Sie kriecht langsam auf diesen Pflanzen oder an der Gefässwand hin, hängt sich an der Oberfläche des Wassers ‚auf und kriecht bisweilen auch bis über die Wasserfläche in die Höhe. Sie zieht sich, berührt, kurz zusammen und ist deshalb leicht zu übersehen, wenn sie mit Pflanzen aus dem Meere gehoben wird. Leichter sichtbar wird sie in Aquarien, worin man die gefischten Pflanzen vertheilt hat.

Bringt man Pontolimax capitatus in Süsswasser, so sondert er viel weisslichen Schleim ab, der einen starken Geruch hat, durch welchen man an dumpfiges Mehl erinnert wird. Er besteht aus Kügel- chen, die das Licht stark brechen. |

Der erste Beschreiber dieser kleinen Schnecke war OÖ. F. Mürzer. Er hielt sie jedoch für einen Plattwurm und nannte sie Fasciola capitata. (Vermium terrestrium et fluviat. I. 2. ATTk. p. 70.) Müuzer’s Beschreibung ist so zutreffend, dass nicht der geringste Zweifel über den Begründer der Species sein kamn. O. Faprıcıws beschrieb dasselbe Thier unter dem Namen Planaria limacina mit Abbildungen (Kgl. danske Videnskabernes Selskabs Skftr. 1826. p. 23). Erst G. Jonsstox erkannte es richtig als Schnecke. (Loudon’s Magaz. of nat. hist. Vol. IX.4836. p.79 nach dem Citat in Forses et Hanızy, Brit. Moll. III. 61%). Aıver et Hancock gaben die Anatomie derselben (Ann. of nat. hist. 2 Ser. 1848. 1. p. 01. mit Abb.). Friepricn Mürzer beschrieb die Furchung der Eier im Archiv für Naturgesch. 1848. I. p. 1. Hier wird auch mitgetheilt, dass Creruin auf dem Greifswalder Museum den barbarischen Namen Zimapontia in den richtiger zusammengesetzten Namen Pontolimax verwandelt habe.

Pontolimax capitatus lebt nach den schon genannten englischen Autoren an den britischen Küsten, nach Loves bei Norwegen und im Kattegat (Index Moll. litora Scandin. occid. habit. p. 8). Frey und R. Levekart fanden die Lanzettschnecke bei Helgoland (Beiträge zur Kenntniss wirbellos. Thiere, p. 143). OÖ. F. Mürrer, O. Faprıcıus und Oerstepr beobachteten sie an den dänischen Küsten, Frieprıcn MüLLEr und Max Scuurzze (Arch. f. Nat. 1849. I. p. 270) bei Greifswald. Unser Fischer Geore Horn sammelte sie im October 1863 reichlich unter Steinen an der Küste von Bornholm.

Pontolimax capitatus.

Erklärung der Abbildungen. I. Umriss der natürlichen Grösse. 2. Ein helleres Exemplar der Lanzettschnecke von oben, 13mal vergrössert. 3. Dieselbe von unten. Der Penis ist vorgestreckt. 4. Ein dunkleres Exemplar, kriechend, von der Seite.

5. Das Schwanzende von oben, 290mal vergrössert. Die Oberhaut flimmert. In der zelligen Haut liegen einzellige Schleimdrüsen.

6. Hörbläschen mit einem kugelförmigen Otolithen, 500mal vergrössert. 7. Ein Auge. Den Hintertheil der Linse bedeckt das schwarze Pigment; *00mal vergrössert.

8. Pigmentzellen vom Hinterrücken, 500mal vergrössert. Solche dicht zusammenstossende Zellen enthalten alle dunklen Flecke der Haut.

9. Eierschnur in natürlicher und 15facher Grösse.

Die Mundtheile von Pontolimax capitatus sind auf der ersten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

CAPITATUS

PONTOLIMAX

ELYSIIDAE.

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2. Familie: Elysiid ae.

Die Athmengefässe verbreiten sich in zwei seitlichen Hautlappen. Die Radula trägt nur eine einfache Reihe Mittelzähne. Der Mund ist kieferlos.

Elysia Rısso.

Der Kopf ist nicht deutlich vom Rumpfe geschieden. Er trägt zwei Fühler, welche der Länge nach zusammengerollt und daher oben und an der Seite geöffnet sind.

An den Seiten des Körpers entspringen Hautplatten, welche sich hinten vereinigen.

Rısso, Journ. de Physique Vol. 87. A818. p. 375 (nach PAGENSTECHER). Actaeon Oxen, Lehrbuch d. Na- turgesch. Zool. I. 1815, p. 307.

Der Name Actaeon wurde schon 1810 von Montrorr zur Bezeichnung einer Bullaceengattung, welche Lamarck 1812 Tornatella nannte, verwendet.

Elysia viridis Montacv.

E. holosericeo-atra vel olivacea, punctis micantibus rubris, coeruleis viridibusque irroratis, marginibus lentaculorum alisque corporis albis. Tentacula longitudinaliter convoluta, apice rotundata. Oculi post basın

tentaculorum in maculis pallide olwaceis siti. Anguli pedis anteriores acuminati.

Die grüne Sammetschnecke.

Die grössten uns vorgekommenen Exemplare dieser schönen Schnecke hatten 30—33 Mm. Länge.

Kopf und Vorderkörper bis zum Ansatz der Hautlappen messen zusammen ungefähr ein Fünftel, die vordere Sohlenbreite ein Zehntel, und die grösste Höhe der beim Kriechen aufrecht getragenen Hautlappen ein Viertel der Gesammtlänge.

Der Kopf ist vorn abgestutzt, oben abgerundet und steil ansteigend. Ueber der Mundfläche ist ein lippenförmiger oft in der Mitte etwas eingezogener und ausgeschnittener Vorsprung. (Fig. 2—5).

Die Fühler sind etwas länger, als .der Kopf breit ist und bestehen aus einer Hautplatte, deren Ränder nach vorn und aussen hin zusammengerollt sind und sich gewöhnlich so decken, dass eine oben schräg abgeschnittene Röhre entsteht. (Fig. 6.)

Die Augen liegen als schwarze Punkte ungefähr eine halbe Fühlerlänge hinter der Fühler- basis. (Fig. 2.)

Die Radula hat meistens 20—25 Glieder. Jedes Glied besteht nur aus einem Mittelzahn un(l

ruhet spitzwinkelig geknickt auf dem Zungenträger (Taf. I. Fig. 7).

S ELYSIA VIRIDIS.

Die Basis des Zahnes ist unten, wo sie angewachsen ist, walzlich und hinten uhrglasförmig vertieft; oben ist eine Längsfurche, begrenzt von zwei abgerundeten Leisten, die hinten warzenförmig vortreten (Taf. I. Fig. 4—6), und, nach vorn hin convergirend, die Furche auf der Krone zwischen sich einschliessen.

An losgelösten Zähnen erscheint die Basis gewöhnlich unten nicht walzlich, sondern vertieft (Tall. Fig. ‘8, B.).

Die Krone ist fast wie ein zweischneidiger Dolch geformt. Die obere Kante wird gegen die Basis hin durch eine Furche ersetzt; die untere ist scharf und sehr fein gezackt (Fig. 3, K.). Unter den stumpfen Seitenkanten ist eine schwache Hohlkehle. Die alten, abgefallenen Zähne sammeln sich unter dem Vorderende der Radula in einer sackförmigen Höhle, worin bisweilen mehr Zähne liegen, als die Radula trägt. Immer sind sie verschieden gross, die obersten gleichen den vordersten der Radula, die sich noch in ihrer gewöhnlichen Lage befinden, doch sich bisweilen schon von der zusammenhängenden Reihe getrennt haben, um bald abzufallen. Diese Zähne sind also nicht junge Ersatzzähne, wofür sie Arıman hielt (Ann. of nat. hist. 1845. XVI. p. 147). Die Bildungsstätte neuer Zähne liegt, wie bei anderen Schnecken, am Hinterende der Radula, wo man dieselben zwischen kernhaltigen Zellen von der Basis an entstehen sieht.

Die Speiseröhre erweitert sich innerhalb der musculösen Mundmasse. Ueber ihr sind radiale Fasern, (Fig. 7, r.) unter ihr schräg absteigende. Der Radulaträger (Fig. 7, T.) enthält eine langeiförmige Zellenmasse. Vor dem Vorderschenkel der Radula ziehen Muskelfasern nach der Mund- öffnung hinauf. Diese und die vordere Masse des Radulaträgers können die Radula heben, während (diejenigen Fasern, welche an dem Hinterschenkel der Radula liegen, sie rückwärts ziehen.

Der Rücken steigt hinter. den Augen noch etwas an, wölbt sich, verschmälert, in der Herz- gegend ansehnlich empor und endigt verengt zwischen den grossen Hautlappen des Körpers.

Diese Hautlappen sind mitten über dem Fusse verschmolzen und diesem angefügt und nach vorn an den Seiten des Körpers durch eine vom Sohlenrande bis zum Rücken senkrecht aufsteigende Linie scharf begrenzt (Fig. 3). Ihre untere Grenze fällt mit der Sohlenkante zusammen. Werden sie in gewöhnlicher Haltung aufrecht getragen (Fig. %). so steigt ihr freier Rand eine kurze Strecke (ungefähr ein Viertel seiner ganzen Länge) schräg an und fällt dann weniger geneigt bis zum Hinterende ab. Der Saum der Hautlappen ist abgerundet und ungefähr halb so dick wie die Fühler.

Die Haltung der Hautlappen verändert sich sehr häufig. Bald stehen sie aufrecht und lehnen die Ränder lose aneinander; bald breiten sie sich mit schönen Faltungen seitwärts aus (Fig. 2), so dass der Hinterrücken und ihre inneren Flächen sichtbar werden; bald schlagen sich ihre Säume locker über einander (Fig. 1).

Auf der innern Fläche der Hautlappen verlaufen erhöhet vortretende Adern (Fig. 2). Am Ende des Hinterrückens entspringt an jeder Seite eine Längsader, die beide einen langen, schmalen Raum mitten über dem Fusse einschliessen. Von diesen Längsadern gehen Seitenzweige aus, die nach dem Hinterende des Körpers zu immer schwächer werden. Vor den Längsadern treten noch kürzere Stämme von den Seiten des Rumpfes in die Hautlappen hinein. Bei grossen Exemplaren fanden wir 4—5 solche Vorder- adern auf jeder Seite. Nach Arıman sind alle diese Adern Athemgefässe (On the Analomy of Actacon. Ann. of nat. hist. 1845. XVI. p. 148).

Der After liegt rechts vor dem Vorderrande des Hautlappens Arınan).

ELYSIA VIRIDIS. 9

Die Geschlechtsöffnungen liegen hinter dem rechten Auge, die männliche dicht vor der weiblichen (Pasensteener: Ueber die Geschlechtsverhältnisse von Aciaeon viridis. Verhandl. des natur- histor.-medizin. Vereins zu Heidelberg II. 209).

Die Sohle wird durch eine seichte Querfurche (Fig. 3), welche die Vorderränder der beider- seitigen Hautlappen verbindet, in zwei Abschnitte getheilt, von welchen der vordere ungefähr nur ein Viertel so lang wie der hintere ist. Jener verbreitet sich vorn zu dreieckigen Seitenlappen. Der Hintertheil verschmälert sich ganz allmälig bis zum Schwanzende.

Die Hauptfarbe des Kopfes, der Fühler, des Vorderrückens und der äusseren Flächen der Hautlappen ist ein sammetweiches Schwarz, das bald in Grün, bald in Braun überspielt ; die Hauptfarbe des Fusses ist olivengrün.

Der Kopf (Fig. 5) hat vorn über dem Mundrande eine helle, grünbraune Stelle. In eben solchen helleren Stellen liegen auch die schwarzen Augen (Fig. 2).

Die innere Fläche der Hautlappen (Fig. 2) erscheint dem blossen Auge grünlich; unter der Lupe hat sie einen lila bis rosenrothen Grund, in welchem sich die grünen Verzweigungen der Leber ausbreiten, deren Hülle so fest ist, dass sie sich bei eben getödteten Thieren von dem umgebenden Gewebe gut isoliren lassen.

An den Fühlern, Augenflecken und dem Saume der Hautlappen treten schneeweisse Flecke auf, und überall sind in der Haut metallisch glänzende, grünblaue und rothweisse Pünktchen vertheilt. An jenen weissen Flecken ist die Haut dicht mit ovalen Schleimdrüsen angefüllt, deren Ausführungs- gänge an der Oberfläche münden. Solche Drüsen sind überall auch in anderen Theilen der Haut, aber mehr zerstreut vorhanden. Neben Fig. 2 sind einige aus dem Rande des Seitenlappens vergrössert dargestellt.

Die metallartig glänzenden grünen und blauen Punkte der Haut enthalten Häufchen von runden, zartwandigen Zellen, aus deren Innern das feurigste Smaragdgrün und das schönste Sapphirblau hervor- strahlt, wenn man sie unter etwa hundertmaliger Vergrösserung bei auffallendem Lichte betrachtet, während sie bei durchfallendem Lichte gelblich, also in der Komplementärfarbe, erscheinen. Aehnliches zeigt sich bei den blauen Flügelschuppen mancher Schmetterlinge, z.B. bei Lycaena Argus.

Ausser diesen Zellenhäufchen verleihen auch noch einzelne kugelförmige Zellen mit körnigem Inhalt der Haut metallartigen Glanz. Sie sehen bei Beleuchtung von oben silberartig aus, sind dagegen fast wasserhell bei durchfallendem Lichte und brechen dieses an ihrer Peripherie ungefähr ebenso wie Fettkügelchen.

Eine dritte Art Zellen, von geringerer Grösse als die schon beschriebenen, sind mit brauner Masse angefüllt und erscheinen bei auffallendem Lichte in lebhaftem kupferartigen Glanze, durch den man an den herrlichen Glanz der mikroskopischen Kupferkrystalle im Avanturinglas von Murano erinnert wird. In den dunklen Stellen der Haut liegen schwarze Kügelchen einzeln oder gruppenweis vertheilt.

Die Eier sind länglichrund, haben einen weissen Dotter und liegen in einer durchsichtigen, wasserhellen, spiralgewundenen Schleimschnur, in welcher die Eiermasse ungefähr I Mm. Durchmesser hat. Wir fanden sie in der zweiten Hälfte des Mai in Aquarien abgelegt. Sie hingen an Delesserien und waren auf breiteren Blattflächen regelmässig linksgewunden, dagegen an den Blattstielen unregel- mässig langgezogen.

Die grüne Sammetschnecke wohnt auf Pflanzen, besonders auf Seegras in geringen Tiefen. Wir haben sie meistentheils im Herbst und Winter, im Sommer selten angetroffen und nicht so häufig wie die

Aeolidien und Doris-Arten.

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. 2

10 ELYSIADAE.

Sie nährt sich wahrscheinlich von Pflanzen. In Aquarien mit zarten Algen und Seegras hat sie sich Monate lang wohl befunden.

Bei ihren Bewegungen nimmt die grüne Sammetschnecke sehr verschiedene Formen an. Am Boden hinkriechend, streckt sie sich gewöhnlich gerade aus und gleitet verhältnissmässig schnell vorwärts. Kriecht sie an der senkrechten Wand des Aquariums, so braucht sie oft auch die Hautlappen mit einem Theil der Sohle gleichzeitig, um sich festzuhalten; ja sie windet manchmal den ganzen Hinter- körper schraubenförmig, während sie kriecht, so dass entgegengesetzte Körperseiten zugleich die Bahn berühren. Die Fühler können sich bis zu einer niedrigen Ringwulst zusammenziehen.

Nicht selten sitzt die Sammetschnecke träge auf einem Flecke, hält die Fühler gestreckt, den Hinterkörper verkürzt, die Hautlappen vorn und hinten auseinandergelegt und nur in der Mitte über- einandergebogen (Fig. 1).

Sie sondert sehr viel Schleim ab, der sich, wenn man die Haut mit einem Stäbchen oder Pinsel berührt, in langen Fäden über das Wasser herausziehen lässt. An solchen Schleimfäden hängen zuweilen diese Schnecken mitten im Wasser frei.

Die grüne Sammetschnecke beschrieb zuerst Moxtasu unter dem Namen Laplysia viridis. De- scriplion of Marine Animals. Transact. of the Linn. Soc. Vol. VII. London 1804. p. 76. Tab. VII, 1. Wie unvollkommen auch Beschreibung und Abbildung Moxtacv's sind, so lassen sie doch keinen Zweifel übrig, dass unser Kieler Thier mit dem seinigen identisch ist. Dies bestätigen auch die Angaben von Arıman (On the Anatomy of Actaeon. Ann. of nat. hist. Vol. XVI. 1845. p. 145. Tab. 5—7) und von Forges und Hasıev (Brit. Mollusca II. 61%. Pl. ©. C. C. 3).

QuarreraceEs hält eine an den Küsten des Kanals beobachtete Elysia auch für dieselbe Species (Gasteropodes phlebenteres. Ann. des sc. nat. 3. Ser. I. 1844. p. 137).

Sars’ Actaeon minutum (Beskrivelser og Jagttagelser over nogle maerkelige eller nye ı Havet ved den Bergenske Kyst levende Dyr. 1835. 7%. Pl. 1%. Fig. 37 a—e) müssen wir nach seiner Be- schreibung und den Abbildungen für die El. viridis Most. halten, welcher Meinung auch Lovex ist (Index Molluse. lit. Scand. occid. habit. p. 8).

Nach den angeführten Schriftstellern kommt E. viridis an den britischen Küsten, am Kanal und an der Westküste Schwedens und Norwegens vor. Öerrstenp fand sie auch im Sund (De regionib. marinis, 184%. p. 73). Wir fingen sie im Mai 1863 auch im kleinen Belt zwischen Fanö und Fünen.

Die im Mittelmeere lebende E. viridis stimmt nach der Beschreibung Pasenstecner’s (Zur Ana- tomie von Actaeon viridis, besonders zur Kenntniss der Geschlechtsorgane dieser Schnecke. Zeitschr. f. wiss. Zool. XII. 1862) ebenfalls mit unseren Thieren überein. Durch die Güte des Herrn Professors PAsEnstecner erhielten wir ein Präparat seiner Elysia viridis von Cette und 2 Exemplare von Neapel zugeschickt, und überzeugten uns, besonders durch Vergleichung der Radulazähne, dass diese Bewohner des heiteren Mittelmeeres mit den ebenso wundervoll geschmückten Kindern des düsteren Nordens übereinstinmen.

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Erklärung der Abbildungen.

I. Umriss der natürlichen Grösse.

2. Die kriechende Schnecke von oben, 6mal vergrössert,

3. Dieselbe von unten, 6mal vergrössert.

k. Dieselbe von der Seite, 6mal vergrössert.

5. Der Kopf von vorn, 12mal vergrössert.

6. Ein Fühler, 30mal vergrössert.

Unter ihm sind Schleimzellen mit ihren Ausgängen aus dem weissen Rande des Seitenlappens,

300mal vergrössert, abgebildet.

Die Mundtheile sind auf der ersten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

AEOLIDIDAE. EMBLETONIA MARIAE. 13

3. Familie: Aeolididae.

Sie athmen durch Rückenpapillen. Der Mund enthält seitliche Kiefer. Die Radula trägt nur

eine einfache Reihe Mittelzähne oder Mittel- und Seitenzähne. Geschlechts- und Afteröffnung liegen an der rechten Seite.

Embletonia Arne et Hancock.

Monogr. of brit. Nudibr. Moll. 1845. Genus 14. Der Name wurde dem Dr. Dexsıs EnsLertox zu Ehren aufgestellt.

Der Körper ist lang, mantellos. Der Kopf trägt nur zwei Hinterfühler, der Rücken sym-

metrisch geordnete Papillen.

Der Unterschied zwischen den Gattungen Embletonia und Aeolidia ist so gering, dass wir die Auf- stellung jener nicht genug begründet erachten; denn bei Embletonien treten an den Seiten des Kopfes dreieckige Vorsprünge auf, die offenbar den Vorderfühlern der Aeolidien entsprechen. Gleichwohl folgen wir in unseren Benennungen den Herren Arper und Hancock, weil sie bei ihren Aufstellungen über viel mehr Beobachtungsmaterial gebieten konnten, als wir bei unserem Bedenken.

Embletonia Mariae n. sp.

Embletonia isabellina ferruginea, albomaculata. Papillae dorsales ovalae acuminatae. Margo

frontalis juxta tenlacula subulata incrassalus. Anguli anteriores pedis breves Iriangulati.

Wulst.

Mariens Embletonie.

Das grösste Exemplar dieser Embletonia war 8 Mm. lang. Der Kopf ist vorn etwas konvex; an den Seiten desselben vor den Fühlern ist eine schwache Das ist das nur gering ausgebildete Segel (Fig. 2 u. 5).

Die Fühler sind kegelförmig, zugespitzt, und ungefähr ein- bis anderthalbmal so lang als der

Kopf breit ist (Fig. 2. 4. 5).

Die Augen liegen an den Seiten des Hinterkopfes (Fig. 2).

Die Seiten des Vorderkörpers steigen steil in die Höhe.

Das Hinterende ist zugespitzt.

Die Rückenpapillen fangen kurz vor der Herzgegend an und sind länglich eiförmig. Die Pa-

pillen der inneren Reihe sind grösser als die äusseren. Sie erreichen fast die Dicke des Kopfes, und sind

so lang wie die Fühler. Sie standen bei den wenigen beobachteten Exemplaren jederseits in einer Doppel-

1% AEOLIDIDAE.

reihe; nur die letzte stand allein. Im Ganzen zählten wir 9 auf jeder Seite, nämlich 4mal 2 und eine Endpapille (Fig. 2. 3. 6).

Solchen bestimmten Zahlen von Rückenpapillen legen wir keinen specifischen Werth mehr bei, seitdem wir bei Aeolidien (besonders recht auffallend bei Aeolis exigua) die Unbeständigkeit derselben kennen gelernt haben. Dennoch verdienen sie angeführt zu werden, damit sich, wie bei vielen anderen organischen Gestalten, die Vorstellung aus dem Haufen einer unbestimmten Menge retten und auf einem Haltepunkte beruhigen kann, von welchem aus das organische Fallen und Steigen der Zahlen gleichartiger Glieder erst überschaulich wird.

Die Geschlechtsöffnung liegt an der rechten Seite unter dem Auge (Fig. 3).

Der Fuss ist breiter als der Rücken und fast parallelrandig; das Hinterende ist zugespitzt und tritt mehr als eine Papillenlänge hinter den letzten Papillen frei heraus (Fig. 4).

Die Fusslappen sind abgestumpft dreieckig und treten gewöhnlich weit unter den Seiten des Kopfes hervor (Fig. 2. 4).

Der Kopf ist schmutzig gelb, der Vorderrücken braun, der Mittelrücken gelb, die Fühler und der Fuss sind durchscheinend weisslich. Alle diese Theile sind mit weissen Pünktchen bestreuet. Die schwarzen Augen liegen in einem länglichen hellen Flecke hinter den Fühlern (Fig. 2).

Die Rückenpapillen sind dunkelbraun und weiss gefleckt (Fig. 2. 3. 6).

Die Eingeweide scheinen deutlich durch die fast wasserhelle Sohle.

Die Radula ist aus 15 Gliedern, die nur aus einem Mittelzahn bestehen, zusammengesetzt (Taf. 1.). Die Basis des Zahnes ist unten walzlich gerundet, ihre Anwachsfläche etwas konkav.

Die Krone ist stumpfwinkelig mit der Basis verschmolzen und seitlich zusammengedrückt. Sie läuft in eine dreieckige Spitze aus. Leider konnten wir diese Zähne, wegen Mangel an Material nicht so eingehend, wie die unserer übrigen Arten untersuchen.

Eier legte ein isolirtes Exemplar am 7. Juli in einer regelmässigen flachen Spirale von 3 Win- dungen, deren äusserste 3 Mm. Durchmesser hatte (Fig. 7). Sie sind weiss und liegen unregelmässig in einer wasserhellen Schleimhülle. 3 Tage nachher legte es noch eine zweite kleinere Spirale.

Wir fanden diese Embletonia im äusseren Theile der Bucht auf rothen Tangen. Sie kriecht schnell mit auswärts gehaltenen Fühlern und bewegten Fusslappen. Die Papillen sind gewöhnlich etwas hinter- wärts geneigt. Auf dem Rücken sahen wir sie niemals schwimmen, was die anderen Aeolidien doch so gern thun. E

Von Embletonia pallida und E. pulchra unterscheidet sie sich durch ihre viel kleineren Kopflappen, die grösseren Fusslappen und die Form der Radulazähne.

Ihre dicken Rückenpapillen sind denjenigen der E. pulchra Aıv. et Hasc. ähnlich. Diese hat aber kürzere Fühler und einen schmäleren und kürzeren Fuss als unser Thier.

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Erklärung der Abbildungen.

1. Umriss der natürlichen Grösse. Die kriechende Schnecke von oben, 15mal vergrössert.

Dieselbe von der rechten Seite, wo vorn unter dem Auge die Geschlechtsöffnung zu sehen ist.

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. Dieselbe von unten...

5. Rechte Hälfte des Kopfes von oben, 50mal vergrössert. Neben der Fühlerbasis die kleine Kopfwulst.

6. Rückenpapille, 50mal vergrössert.

7. Eine Eierschnur, viermal vergrössert, darunter in natürlicher Grösse.

Die Zähne sind auf der ersten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

EMBLE TOMIA MARIAE .

EMBLETONIA PALLIDA. 17

Embletonia pallida Aıner et Haxcocx.

E. gracilis, alba pellucida vel flavescens vel rubescens, capite dorsoque atrocoeruleis. Papillae dor- sales clavatae. Tentacula subulata. Gaput appendicibus triangulatis lateralibus. Anguli pedis anteriores obtusi.

Die bleiche Embletonie.

Das grösste von uns beobachtete Exemplar dieser kleinen Schnecke hatte kriechend 7 Mm. Länge.

Der Körper ist schmal, der Kopf mit seinen Seitenlappen etwas breiter, als der breiteste Theil des Rumpfes. Gewöhnlich hält sich der Kopf nebst seinen Seitenlappen vorn halbmondförmig ; zuweilen randet er sich in der Mitte aus. Die Stirn fällt steil ab.

Die Fühler sind fadenförmig, unten ein wenig verdickt. Ihre Länge beträgt ungefähr zwei und eine halbe Kopfbreite; sie sind ungefähr so dick wie die mittelgrossen Rückenfäden (Fig. 2. 3. &).

Die Augen sind mit der Lupe kaum zu erkennende Punkte, und liegen etwas auswärts hinter den Fühlern (Fig. 3).

Der Rücken ist am Ende des vorderen Drittels am höchsten gewölbt; von hier senkt er sich etwas gegen den Kopf zu und fällt nach hinten hin bis zur Schwanzspitze ab, die frei hinter den letzten Rückenfäden ausläuft.

Die grösseren Exemplare trugen 5 Bündel Rückenfäden; das vordere mit drei, das dritte mit vier, die zwei hinteren nur mit zwei Fäden. Diese sind gewöhnlich keulenförmig, über der Mitte etwas verdickt und oben abgerundet. Die längsten Fäden des Bündels erreichen Fühlerlänge, und stehen oben am Rücken, die kleinsten an den Seiten. Sie werden locker schräg aufwärts gehalten, mit sanfter Bie- gung der Spitze gegen den Rücken (Fig. 2. 3. #).

Der Fuss ist vorn abgerundet und hat wenig vortretende Ecken. Er ist schmaler als der Rumpf und läuft spitz aus (Fig. 2).

Die Radula trägt nur Mittelzähne (Taf. I... Wir beobachteten bis 42 Glieder. Die Basis des Zahnes ist halbmondförmig (Fig. %, B.). Ihre Seitenenden sind verdickt und schräg einwärts abgestumpft. Die Anwachsfläche ist im Ganzen konkav, hat aber eine wulstige Rippe, welche zwischen ihren äusseren Grenzen bogig verläuft (Taf. I. Fig. 5, A.).

Die Krone besteht aus einer dreieckigen Mittelspitze und 6—9 kleineren Seitenspitzen, wovon die äussersten und innersten am kleinsten sind (Fig. 3—5, K.).

Der Umriss des Kiefers ist lang eiförmig (Taf. I. Fig. 6), und hat an seinem Mundende einen schmalen Fortsatz (Fig. 6, F.). Der Schlossrand, unter welchem die Speiseröhre (Fig. 6, $.), ist wulstig verdickt.

Die Hauptfarbe ist fast wasserhell, gelblich oder röthlich. Auf dem Kopfe und Vorderrücken sind braune bis dunkelviolette Flecke, die zu ganz dunklen, manchmal fast schwarzen Stellen zusammen- fliessen (Fig. 3).

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. 3

18 AEOLIDIDAE.

An den Seiten kommen auch dunkle Flecke vor. Die Sohle ist farblos, und lässt den Eierstock durchscheinen (Fig. 2).

Kleine Exemplare waren fast gänzlich wasserhell, und erhielten nur von den bräunlichen Zellen in den Papillen eine graugelbe oder bräunliche Farbe.

Diese Zellen sitzen an der inneren Wand eines Schlauches, der selbständige Kontraktilität besitzt (Fig. 5). Zieht er sich zusammen, so treibt er plankonvexe Körperchen mit stabförmigem Kerne gegen die Basis der Papille, die bei der Ausdehnung, welche passiv zu geschehen scheint, wieder gegen die Spitze schwimmen. Die Nesselbeutel hängen durch eine kurze Röhre mit dem Schlauche zusammen. Die Nesselzellen sind fast kugelrund.

Flimmerwimpern beobachteten wir an verschiedenen Stellen des Körpers: auf den Pa- pillen, Fühlern und am Kopfe.

Das Gehörbläschen enthält nur einen kugelförmigen Stein (Fig. 6).

Nachdem zwei Exemplare drei Wochen isolirt in einem Glase gelebt hatten, fanden wir am 16. Februar 1863 bei ihnen eine kleine, 1,7 Mm. lange nierenförmige, wasserhelle Schleimmasse, die 16 Eier enthielt (Fig. 7 u. 8). Sie war durch einen kurzen Stiel auf einem Zweige von Furcellaria fasti- giata angeheftet. Eine ganz ähnliche Form der Schleimhüllen beobachtete v. Norpmann bei den Eiern seines Tergipes Edwardsü aus dem Schwarzen Meere.

Die Eier sind länglich rund; ihr Dotter ist weiss.

Die bleiche Embletonie ist ein bewegliches Thierchen, das behende auf Furcellarien, Ceramien u. a. Tangen herumkriecht, nnd mit seinen langen Fühlern hin- und hertastet. Es treibt auch gern hängend an der Oberfläche hin.

Wir haben diese Schnecke nur selten auf zarten Tangen und auf Tubularia ramea der Kieler Bucht gefunden. Etwas zahlreicher fischten wir sie im Hafen von Langöre auf Samsö, einer Insel im Kattegat, die wir auf einer zoologischen Seefahrt durch die Belte im Mai 1863 besuchten. Hier lebte sie auf Seegras und Tangen —5 Faden tief, über festem Sandgrunde. Ihrer Kleinheit wegen kann sie leicht übersehen werden.

Embletonia pallida wurde 1854 von Price im Mersey-Busen bei Liverpool entdeckt. Aın. et Hanc. Brit. Nud. Appendiw p. XU. (36). Currınswoon führt 1860 auch nur noch diesen Fundort in Grossbritannien an: On the Nudibranch. Moll. inhab. the Estuary of the Dee. Annals of nat. hist. 1860. p. 196.

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Erklärung der Abbildungen.

1. Umriss der natürlichen Grösse.

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. Die Schnecke von unten, wie sie an der Oberfläche des Wassers hängt, 15mal vergrössert. 3. Wie sie kriecht, von oben gesehen.

%. Seitenansicht der kriechenden Schnecke.

5. Der obere Theil einer Rückenpapille. Unter der Spitze ist der eiförmige Nesselbeutel mit Ringmuskelfasern. Die Wand der Papillenhöhle enthält Muskelfasern, und ist innen mit braunen Zellen besetzt. Im Lumen schwimmen linsenförmige Körperchen und Kügelchen.

6. Gehörbläschen mit dem Stein. 7. Eierhülle in natürlicher Grösse.

8. Dieselbe, 30mal vergrössert.

Die Mundtheile sind auf der ersten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

Meyer &Möbius Fauna d. Kieler Bucht.

E . EMBLETONIA PALLIDA

H.Francke ad nat. pınz et lith

AEOLIS ALBA 3

Aeolis Covızx. Nach Aeolis , Tochter des Aeolus, des Gottes der Winde.

Der Körper ist länglich, vorn abgestumpft, hinten verschmälert. Er trägt keinen Mantel.

Der Kopf hat zwei Vorderfühler, welche von seinen Vorderecken ausgehen, und zwei Hinterfühler, die an seiner Oberseite entspringen. Hinter diesen liegen die Augen.

Auf dem Rücken stehen symmetrisch geordnete Papillen. Diese enthalten einen Schlauch mit Leberzellen, der unten mit dem Nahrungskanal, und oben mit einem Nesselbeutel zusammenhängt. Da sie die Oberfläche des Körpers vergrössern und Flimmerwimpern tragen, so können sie den Wechsel der Blutgase befördern. Zum Kriechen werden sie nicht gebraucht.

Der Fuss ist hinten zugespitzt, vorn abgestumpft und seitwärts ausgedeht.

Die Geschlechtsöffnung liegt an der rechten Seite; die Afteröffnung hinter ihr.

Aeolis alba Aıver et Hancock.

Aeolis gracilis, alba, pellucida. Papillae dorsales fusiformes, fuscae in fasciculis 5—6 digestae. Tentacula anleriores pellucida subulata posterioribus longiora. Tentacula posteriora fusca, sub apice pellueido tumida. Anguli anteriores pedis elongatı.

Die weisse Fadenschnecke.

Die grössten weissen Fadenschnecken, die wir in der Kieler Bucht fanden, hatten eine Länge von 25 Mm. Bei ruhig gehaltenen Papillen beträgt die obere Breite in der Mitte des Körpers etwas mehr als ein Viertel der Länge.

Der Kopf ist so breit wie der Vordertheil der Sohle hinter den Fusslappen. Er wölbt sich zwischen den Vorderfühlern empor.

Die Vorderfühler sind kegelförmig zugespitzt, und gestreckt ungefähr ein Fünftel so lang wie der Körper (Fig. 2. 3 Einmal beobachteten wir am rechten Vorderfühler eine Gabelung, indem er etwas über der Mitte an der inneren Seite eine zweite Spitze trug.

Die Hinterfühler sind etwas kürzer und ihre Basis ist dicker. Sie haben ganz unten eine geringe Anschwellung, über welcher sie sich allmälig bis gegen ihr oberes Drittel verdünnen (Fig. 5). Hier ist bei gewöhnlicher Länge eine kurze Anschwellung, auf welche die allmälig verdünnte, stumpf abgerundete Endspitze folgt. Sind die Hinterfühler bedeutend ausgedehnt, so ist die Anschwellung nur

sehr gering.

AEOLIDIDAE.

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Die Augen liegen als deutliche schwarze Punkte nahe hinter den Hinterfühlern (Fig. 2).

Die Radula hat nur gegen 20 Mittelzähne.

Die Basis derselben ist ein Spitzbogen, der beinahe doppelt so hoch wie die Kronenspitze ist (Taf. I. Fig. 5, P.). Die Schenkel des Bogens sind seitlich zusammengedrückt,, ihr Wurzelende ist schräg aufsteigend abgeschnitten (Taf. I. Fig. 4, D.). Auf der Anwachsfläche läuft eine Rippe entlang (Fig. 7, B.), welche die Grenze zwischen dem oberen und unteren Theile derselben bezeichnet.

Die Spitze der Krone ist konisch, sichelförmig gebogen und fein quergeriefelt (Fig. 4, K.). Die Basen der benachbarten Zähne schieben sich reitend über einander (Fig. 2. 3).

Der Umriss des Kiefers ist fast eiförmig (Fig. 2, K.), der Schlossrand dick, wulstig ; der Fort- satz ist fast so lang wie das Hauptstück, und auf dem äusseren Rande spitz gezähnelt (Fig. 2, F.).

Der Rücken der Schnecke ist hinter den Augen etwas schmäler, als m der Mitte. Das Hinter- ende läuft in eine feine Spitze aus (Fig. 2. 3).

Die Papillen sind spindelförmig, und bei kräftigen und gesunden Exemplaren fein zugespitzt (Fig. 6). Die grössten, auf der Mitte des Rückens stehenden, sind ungefähr so lang wie die Vorderfüller, und fast doppelt so dick wie die Hinterfühler. Im Februar 1863 lebte in unserem Aquarium ein gesundes kleines Exemplar mit viel dicker blasig aufgetriebenen Papillen, als wir je beobachtet hatten.

Sie stehen in queren Reihen zu beiden Seiten des Mittelrückens, der unbedeckt bleibt (Fig. 2). Meistens enthält eine grössere Reihe S—9 Papillen. Die erste und zweite, dann die dritte und vierte, und in einigen Exemplaren auch die fünfte und sechste Reihe sind so eng zusammengerückt, dass sie je ein Bündel bilden. Diese Näherung zu Reihenpaaren erklärt sich aus der Verzweigung der Verdauungs- höhle. Die genäherten Papillenreihen treten nämlich aus zwei genäherten parallelen Zweigen eines Astes derselben hervor.

Das zweite Bündel enthält in der Regel die grössten Papillen. An die letzte Reihe schliessen sich gewöhnlich noch zwei kleine Papillen an. Die Höhle der Nesselzellen ist eiförmig, steht in Verbindung mit der Lebermasse, und öffnet sich an der Spitze der Papille. Die Papillen sind häufig mit Infusorien (Trichodinen) besetzt (Fig. 7).

Die Geschlechtsöffnung liegt vorn auf der rechten Seite.

Die Sohle des Fusses ist schmaler, als die in gewöhnlicher Haltung schwebenden Papillen (Fig. 3). Der Mitteltheil ist am breitesten, das Hinterende verschmälert sich allmälig, und läuft in eine lange Spitze aus. Der Fuss ist nur in einer schmalen Leiste mit dem Rumpfe verwachsen, und seine Ränder sind dünn und scharf.

Am Vorderrande entwickeln sich schmale, dreieckige, tief ausgehöhlte Fusslappen, deren Länge mehr als ein Drittel der Vorderfühler beträgt (Fig. 3). Unmittelbar hinter ihnen verengt sich der Fuss ein wenig.

Die weisse Fadenschnecke ist so zarthäutig, dass die inneren Theile an vielen Stellen deutlich durchscheinen, und dass das ganze Thier, wenn es auf Seegras hinkriecht, einen grünlichen Schein an- nimmt. Man erkennt im Kopfe die Mundtheile und das Gehirn als weissgelbe Massen, und zwischen dem ersten und zweiten Papillenbündel das pulsirende Herz.

Unter dem freien Theile des Rückens läuft der Magenanhang als bräunliche Linie hin, von welcher braune Seitenlinien ausgehen, worüber die Papillen stehen.

Der Eierstock mit den weissgelb durchscheinenden Eiern reicht vom zweiten bis zum letzten

Papillenbündel, und füllt mit seinen Lappen fast die ganze Körperbreite aus (Fig. 3).

AEOLIS ALBA. 23

Die Vorderfühler sind grösstentheils farblos; die Hinterfühler bis zu ihrer oberen An- schwellung bräunlich, dann farblos. Die braune Farbe rührt von einem körnigen Farbstoff in der Ober- haut her. Beiderlei Fühler sind am oberen Ende mit weissen Pünktchen besetzt.

Die Rückenfäden tragen eine durchsichtige Decke, und sind mit zackiger graubrauner Leber- masse gefüllt, welche verschiedene Grade der Dunkelheit hat (Fig. 6). Unter der feinen, wasserhellen Papillenspitze tritt zuweilen ein schmaler Ring von schneeweissen Punkten auf.

An der Sohle scheinen die inneren Theile ähnlich durch, wie am Rücken.

Eier legte die weisse Fadenschnecke im Juni. Die Eierschnur wird links gewunden, und be- steht entweder aus regelmässigen Spiralwindungen, von welchen wir öfter —5 beobachteten, oder aus wellenförmig gebogenen Windungen (Fig. 8). Zuweilen fanden wir auch längere Schnüre in wenig regelmässigen Biegungen auf Seegrasblättern befestigt (Fig. 9). Die Schleimhülle ist walzen- förmig und sehr durchsichtig wasserhell (Fig. 10). Die eingebettete Eiermasse hat 0,5 Mm. Durch- messer. Die Eier sind länglichrund, der Dotter ist weiss (Fig. 11). Auf 1 Millimeter der Schnur kommen durchschnittlich 200 Eier. Schnüre von 200 Mm. Länge, die öfter gelegt werden, enthalten also 40,000 Eier.

Die weisse Fadenschnecke lebt auf Seegras und rothen Tangen in allen Theilen der Bucht. Wir fanden sie zuerst vor der Schwentinemündung im Juni in geringen Tiefen in schönen ausge- wachsenen Exemplaren. Um die Mitte des Juli 1862 kamen zahlreiche kleine Exemplare häufig in das Grundnetz ; gegen Ende dieses Monats sammelten wir im äusseren Theile der Bucht auch viele ausge- wachsene Thiere.

Dabei fiel uns auf, dass diese Aeolis- Art überall vorhanden war, während die sonst so häufige Aeolis Drummondii gar nicht, oder nur vereinzelt gefangen wurde. Im Leben der Nacktschnecken des Meeres mögen, ähnlich wie bei anderen Thieren, bisweilen besondere Ursachen eintreten, die ihre Ver- mehrung sehr begünstigen oder hemmen. Auf diese wird sich jedoch erst dann schliessen lassen, wenn Jahre lang Beobachtungen über die Lebensverhältnisse dieser Thiere gesammelt sein werden.

Die Bewegungen der weissen Fadenschnecke sind lebhaft. Der ganze Körper biegt sich ge- wandt. Die Vorderfühler tasten hin und her, wenn sie nicht schräg auswärts gehalten werden. Oft rollt sich ihre Spitze hinterwärts etwas ein (Fig. #).

Die Hinterfühler halten sich gewöhnlich ruhig, etwas vor- und auswärts empor. Bei Verkür- zungen, die oft nur einer von ihnen erfährt, wird ihre Anschwellung stärker, stumpft sich das Ende mehr ab, und erscheinen am unteren Theile zahlreiche Querfalten (Fig. 5).

Die Rückenfäden werden krausenartig gehalten; ihre untere Hälfte biegt sich auswärts ; die Spitze wendet sich nach oben (Fig. 2. #).

Aeolis alba frisst, wie die anderen Kieler Arten ihrer Gattung, thierische Stoffe. Wir sahen sie selbst die Eier ihrer Artgenossen verzehren.

Ihre Form und Lebhaftigkeit machen sie der Aeolis Drummondü ähnlich. Doch unterscheidet sie sich von dieser leicht durch die helle Farbe, die ringellosen, oben angeschwollenen Hinterfühler, die braune Lebermasse in den Rückenfäden und die Form der Radulazähne.

Arper und Haxcock beschrieben diese Species in den Annals of nat. hist. Vol. 13, p. 164, und in ihren Brit. Nudibr. Tom. 3. Pl. 16 geben sie zu der Beschreibung Abbildungen nach helleren Exempla- ren, als wir im Gebiete unserer Fauna fanden. Eierschnüre mit denselben regelmässigen Spiralwin-

dungen wie ihr Bild darstellt, legten unsere weissen Fadenschnecken oft an die Wände der Aquarien.

24 AEOLIDIDAE.

Nach Aıver u. Hascock und Forses u. Hasıev kommt Aeolis alba in der Littoralzone bei Dublin und an der Westküste Schottlands vor. Ihre grössten Exemplare waren ®, Zoll lang, also um \, Zoll kleiner als viele von uns gemessenen Kieler Exemplare. Diese Schnecke erhebt also ebenso wie unsere anderen Aeolidien und wie Elysia viridıs Einspruch gegen die allgemeine Gültigkeit des Satzes, dass die Seethiere immer mehr verkümmern sollen, jemehr der Salzgehalt des Wassers abnehme.

Lov£x nennt Aeolis alba unter den an der schwedischen Kattegatküste lebenden Mollusken. Index Mollusc. lit. Scand. occid. hab. p. 8. Wir sammelten sie auch bei Samsö im Kattegat.

Aeolis alba.

Erklärung der Abbildungen.

4. Umriss der natürlichen Grösse.

1)

. Die kriechende Schnecke von oben, Amal vergrössert.

3. Dieselbe von unten.

k. Dieselbe von der Seite.

5. Die 12mal vergrösserten Hinterfühler.

6. Eine 12mal vergrösserte Rückenpapille.

7. Ein 100mal vergrössertes Papillenende mit 2 Trichodinen. Die Oberhaut derselben trägt

Flimmerwimpern. Der Nesselbeutel öffnet sich an der Spitze. In der Wand der Papille sind Muskel- fasern. Die Lebermasse hängt durch einen engen Gang mit dem Nesselbeutel zusammen.

8. Eine Eierschnur in natürlicher Grösse. 9. Eine andere auf Seegras. 10. Ein Stück derselben, 25mal vergrössert.

11. Ein einzelnes Ei, 100mal vergrössert.

Die Mundtheile sind auf der zweiten der angehängten Tafeln abgebildet.

Meyeı

&Möbius Fauna d. Kieler Bucht

Dee, ALDA’

H.Francke ad nat. pinx et lith

AEOLIS DRUMMONDII. 25

Aeolis Drummondii Tuoueson.

Aeolis rosaceo-albida, papillis dorsalibus intus rufescentibus, sub apice pellucido macula trigona nivea. Tentacula anteriora longe subulata duplo majora posterioribus subconoideis, postice indislincte annulatıs. Papillae dorsales subeylindraceae, in fasciculis 5—7 digestae, medium dorsum tegentes. Anguli ante- riores pedis producti, acuminati.

Drummond's Fadenschnecke.

Diese Art ist eine der grössten Aeolidien der Kieler Bucht. Wir haben wiederholt Exemplare gefunden, welche, kriechend ausgestreckt, von der Stirn bis zur Schwanzspitze 35 Mm. maassen.

Die meisten haben eine Länge von 20—30 Mm., und ihre Sohle eine mittlere Breite von 5—6 Mm. Da sich die Rückenpapillen gewöhnlich etwas auswärts halten, so geben sie dem Oberkörper ungefähr eine anderthalbmal so grosse Breite als der Fuss hat. Die Höhe des kriechenden Thieres be- trägt ungefähr ”/; bis */, der oberen Breite.

Der Fuss des gestreckten Thieres ist etwas vor der Mitte breiter als vorn, wo er zwei drei- eckige, spitze, gewöhnlich rückwärts gebogene Lappen aussendet, die unten gefurcht sind. Er ist dünn, nur durch eine schmale Leiste am Rumpfe befestigt, und läuft in ein schmales Schwanzende aus, das im ausgestreckten Zustande unbedeckt hinter den letzten Papillen nachgezogen wird.

Der Kopf ist etwas schmaler als die Sohle, und wird bald flach vorgewölbt, bald schwach aus- gerandet getragen.

Die Vorderfühler sind (von der Stirnmitte aus gemessen) halb so lang wie der Körper, rund, glatt und lang pfriemenförmig zugespitzt; die Hinterfühler ungefähr halb so lang, stumpfer und auf der Hinterseite ungleichmässig geringelt (Fig. 5 und 6). Im gestreckten Zustande sind diese Ringel sehr schwach. Die Augen liegen hinten an der Basis der Hinterfühler (Fig. 2).

Die Radula hat nur eine einfache Reihe Mittelzähne. Man findet bis 16.

Der Zahn ist etwas länger als breit (Taf. II.).

Die Basis desselben ist ein eiförmiger Bogen, indem die Wurzelenden der Schenkel sich etwas einwärts neigen (Taf. II. Fig. %, 5). Er ist unten höher als oben. Die Grenze zwischen diesen beiden Abtheilungen bezeichnet eine wulstige Rippe (Fig. 5, A.).

Die Mittelspitze der Krone ist, von unten gesehen, konisch, und halb so lang wie die Bogen- schenkel der Basis (Fig. 5). Ihr zur Seite stehen 7—9 Seitenspitzen, wovon die mittleren am grössten sind. Die Basen aller Kronenspitzen verschmelzen zu einem konvexen Körper, der oben (Fig. 4, K.) länger ist als unten (Fig. 5).

Die Mundmasse ist einförmig (Taf. I. Fig. 7). Die Kiefer vereinigen sich vorn wie klaflfende Muschelschalen. An ihrem Mundrande ist ein gezähnelter spitzer Fortsatz (Taf. I. Fig. 7, F.). Von

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. k

26 AEOLIDIDAE.

der Lippe (Fig. 7, b.) gehen Muskelfasern hinterwärts, die sich aussen auf den Kiefern anheften. Oben zwischen den Kiefern ist ein Quermuskel (Taf. I. Fig. 7, q.), Unten liegt ein Quermuskel äusserlich auf den Kiefern (Fig. 8. q.). Hinten an der Mundmasse springt die Radulapapille vor (Fig. 8, P.). Vor ihr sind Ringmuskelfasern, welche unten schräg ein- und vorwärts gehen.

Der Zungenträger besteht aus vier Muskeln. Der grösste ist hinten (Taf. I. Fig. 10, a.); der mittelgrosse vorn (Taf. I. Fig. 10, b.). Beider Fasern ziehen gebogen von oben nach unten. Jederseits entspringt zwischen beiden eine dünne Lage schräg nach unten und hinten laufender Fasern (Taf. 1. Fig. 10, c.), welche einen grossen Theil des hinteren Muskels bedecken, und sich hinten inwendig an die Kiefer ansetzen.

Zu den Seiten des Zungenträgers liegen in den Höhlungen der Kiefer zwei dicke Muskel, deren Fasern die Richtung der grössten Achse der Kiefer haben (Fig. 9, BB.). Wir nennen sie Backen- muskel. Diese lassen sich leicht in Schichten sondern, welche der Kieferfläche parallel liegen. Ihre Fasern entspringen inwendig am Hinterende der Kiefer und endigen frei neben dem Zungenträger, wo sie eine derbe braune Haut überzieht. Die Backenmuskel müssen bei ihrer Verkürzung die dünnen, elasti- schen Hinterenden der Kiefer vorwärtsziehen und dadurch den Zungenträger dem Munde näher bringen. Bei dieser Thätigkeit mögen sie von den Ringfasern am Hinterende der Mundmasse unterstützt wer- den. Der obere Quermuskel erweitert die Mundspalte zwischen den Kiefern; die Längsfasern hinter der Lippe öffnen den Mund; der vordere Muskel des Zungenträgers (Fig. 10, b.) rollt die Radula vor zum Angriff, der hintere (Fig. 10, a.) zieht sie zurück. Die platten Seitenmuskeln (Fig. 10, c.) schaffen für diese rollenden Muskeln einen festen Drehpunkt. Der untere Quermuskel verengt die Mundspalte zwischen den Kiefern wieder, und der Zungenträger sinkt, wenn die Backenmuskeln erschlaffen und die Hinterenden der elastischen Kiefer ihre Ruheform wieder annehmen, ins Innere der Kieferhöhle zurück.

Die Rückenpapillen sind fast walzenförmig, mit einer abgerundeten kurzen Spitze, und etwas dünner als die Hinterfühler (Fig. 7). E

Sie stehen in schrägen Querreihen, von unten nach oben und hinten. Zwischen ihnen bleibt mitten auf dem Rücken ein schmaler Raum frei (Fig. 2). Diese Papillenreihen bilden Bündel, deren sich bei günstigen Stellungen des Körpers 5—7 unterscheiden lassen. Am deutlichsten ist das erste Bündel vom zweiten gesondert; die folgenden rücken immer dichter zusammen.

Die Zahl der Querreihen markirt sich häufig sehr deutlich durch die Lage der weissen Papillenringe. So zählten wir bei grossen Exemplaren im ersten Bündel 7, im zweiten 5, und im Ganzen 15—18 Reihen. Die Zahl der einzelnen Papillen kann jederseits bis auf 60 steigen.

Die längsten (welche zuweilen halbe Körperlänge erreichen) kommen in vorderen und mitt- leren Bündeln vor, die kleinsten in den ersten und letzten Reihen und an den Seiten. Jedes Bündel hat auch kieine Papillen in seinen Hinterreihen.

Die Zahl der Bündel und der einzelnen Papillen nimmt mit dem Alter zu. Verkümmernde Thiere verlieren die langen inneren Papillen, und ihr Mittelrücken wird ganz kahl.

Gewöhnlich liegen die Rückenpapillen locker über einander, und biegen sich sanft nach der Mittellinie des Rückens hin. Bei Berührungen des Leibes legen sie sich nieder, und bei heftigen Angriffen sträuben sie sich plötzlich empor,

Der After liegt rechts vom Herzen, hinter und unter dem ersten Papillenbündel.

Die Geschlechtsöffnung liegt rechts, neben und unter dem ersten Papillenbündel.

Die Hauptfarbe ist röthlich weiss.

AEOLIS DRUMMONDII. 27

Der Kopf ist hellroth. Die Fühler sind heller, als der Oberkopf und tragen häufig schnee- weisse Flecke, die hinten in der oberen Hälfte derselben oft eine Linie bilden. Hinter der Basis der Hinterfühler liegt ein verwaschenes rothes Kreuz.

Der freie Mittelrücken ist weiss oder rothweiss.

Die Lebermasse in den Rückenpapi:len ist graugelb, gelbroth, kirschroth, graubraun oder rothbraun. Ueber ihr liegt nach vorn eine dreieckige, schürzenförmige weisse Stelle (Fig. 7, b.), und in der Papillenspitze eine lang eiförmiger weisser Beutel für die Fadenkapseln (Fig. T, a.).

Das Schwanzende ist oben oft mit einer weissen Mittellinie gezeichnet.

Die Sohle ist durchscheinend weiss, die Fusslappen röthlich weiss, die Umgebung des Mundes oft geröthet.

Aeolis Drummondii legt ihre Eier in Schnüren ab, welche sie gewöhnlich in einer Ebene spiralig von rechts nach links windet (Fig. 11, die Windungen sind in der Zeichnung verkehrt geführt). Man findet auch Schnüre, die unregelmässig um Seegrasspitzen, Algen und Polypen herumgewickelt oder geradlinig angeheftet sind.

Sie bestehen aus einem durchsichtigen Schleimfaden, worin sich die kugelförmigen Eier zu einer weissen, mehr oder weniger regelmässig wellenförmigen Schnur aneinander lagern.

In einer ungefähr 48 Cm. langen Schnur, die im April im Aquarium abgelegt worden war. kamen durchschnittlich 40 Eier auf 1 Mm. der Schnur, wornach dieselbe im Ganzen ungefähr 19,000 Eier enthielt.

Wir fanden in allen Jahreszeiten Eierschnüre, nur nicht in den kältesten und wärmsten Monaten. Es begatten sich kleinere und grössere Paare und legen Eierschnüre, ihrer Grösse entsprechend, ab.

Drunnosv’s Aeolis ist sehr häufig in der Kieler Bucht, und wurde im allen Jahreszeiten gefangen. Doch war sie im Juli und Anfang August 1862, wo wir jeden Tag fischten, eine verhältnissmässig seltene Erscheinung.

Im Sommer kommt sie auf Seegras nahe an die Oberfläche. In den kalten Jahreszeiten wohnt sie mehrere Faden tief auf Pflanzen und Muschelpfählen, auf welchen sie hinreichende Nahrung an Poly- pen, Bryozoen, Infusorien und Diatomeen findet.

Im Aquarium frisst sie auch Eier ihrer eigenen Art oder anderer Schnecken. Auch sahen wir sie hier Jange bei den Mesenterialfäden einer abgestorbenen Actinie sitzen, und mit Theil nehmen an Fleisch- mahlzeiten, die wir Fusus antiquus und Nassa reticulata vorgelegt hatten. Einmal fiel ein Exemplar eine Actinia viduata an, und frass sie, vom Fusse anfangend, nach und nach gänzlich auf.

Diese Aeolis wurde zuerst von Tuomrsox in Belfast an der Nordküste von Irland beobachtet, und für Ae. rufibranchialis gehalten, wie damals die meisten Zoologen alle Arten mit rothen Rückenpapillen nannten. Ann. of nat. hist. V. 1840.

Aıver et Haxcock erkannten an Spiritusexemplaren, und an einer Beschreibung von Dr. Drun- noxo zu Bangor ihre Unterschiede von der Ae. rufibranchialis Jonssros’s, wodurch Tnonpsox veranlasst wurde, derselben den Namen Ae. Drummondü beizulegen. Report on the Fauna of Irland in Report of Brit. Assoc. for 1843. p. 250. Arv. et Hanc. Brit. Nud. Fam. 3, Pl. 13.

Es ist möglich, dass sie mit Ae. branchialis Müır. (Zoologia danica Taf. 149, 5—T) identisch ist. Doch gestatten weder Beschreibung noch Abbildung dieser Merrer’schen Art eine sichere Entscheidung.

An den britischen Küsten hat Ae. Drummondi nach Aıper et Hancock und Forses et Hanıev,

British Mollusca III, 593, eine weite Verbreitung.

28 AEOLIDIDAE.

Wir sammelten sie reichlich auch an der Küste von Samsö im Hafen von Langöre.

Die Beschreibung, welche Aıver et Hancock von Ae. Drummondü geben, passt nicht genau auf die Kieler Form. Sie führen 20—30 Ringel an den Rückenfühlern an. Wir haben solche an unseren Exemplaren niemals so deutlich gefunden, wie sie abbilden, und höchstens 12—14 gezählt, halten jedoch die Angabe der Ringelzahl von geringem unterscheidenden Werthe, da wir bei keinem der vielen von uns beobachteten Thiere scharfe Grenzen zwischen denselben sehen konnten, und finden diese, wie noch manche andere Verschiedenheiten unserer Thiere von den bei ALper’ et Hancock beschriebenen nicht bedeutend genug, um darauf eine specifische Trennung derselben zu gründen.

Ueber die Unterschiede zwischen Ae. Drummondü und der ihr ähnlichen, und neben ihr vorkom-

menden Ae. rufibranchialis sprechen wir bei dieser Art.

Aeolis Drummondii.

Erklärung der Abbildungen.

1. Ein grosses Exemplar in natürlicher Grösse. . In dreimaliger Vergrösserung von oben.

. Dieselbe von unten.

. Dieselbe von der Seite.

Hinterfühler von der Seite gesehen.

Derselbe von hinten, mit den halbringförmigen Falten, beide 10mal vergrössert.

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. Rückenpapille, 10mal vergrössert. a. Sack mit Fadenzellen. 5b. Schneeweisser Fleck. c. Lebermasse.

8. Ein Haufen Fadenzellen.

9. Eine Fadenzelle mit ausgestossenem Faden.

10. Dieselbe mit noch zusammengerolltem Faden.

I1. Eine grosse, regelmässig gewundene Eierschnur, dreifach vergrössert. (Dieselbe hätte jedoch nach links gewunden gezeichnet werden sollen.)

12. Ein 15mal vergrössertes Stück einer solchen.

Die Mundtheile sind auf der zweiten der angehängten Tafeln abgebildet.

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AEOLIS PAPILLOSA. 29

Aeolis papillosa L.

Aeolis fusca cinnamomea vel e janthino terrea, umbrino luteoque irrorata. Papillae dorsales acuminatae depressae in seriebus digestae. Tentacula anteriora subulata. Tentacula posteriora conoidea oblusa anterioribus paulo breviora. Anguli anteriores pedis breves.

Die breitwarzige Fadenschnecke.

Diese Fadenschnecke ist uns bis zu 50 Mm. Länge vorgekommen. Der Querdurchmesser der Sohle des kriechenden Thieres beträgt in der Mitte ungefähr den vierten Theil dieser Länge. Im gestreckten Zustande ist der grösste Theil des Rumpfes fast parallelseitig, und nur ein kleiner Endtheil spitzt sich lanzettförmig zu.

Der Kopf kriechender Thiere ist vorn gerade abgestumpft; bei ruhenden wölbt er sich mehr vorwärts.

Die gestreckten Vorderfühler sind kegelförmig, unten etwas niedergedrückt flach, und unge- fähr ein und ein halb Mal so lang wie der Kopf breit ist. Die Hinterfühler (Fig. 5) sind gewöhnlich etwas kürzer, und stehen auf dem Hinterkopfe näher zusammen als die Vorderfühler. Sie sind kegel- förmig, ihre Basis dick, ihre Spitze etwas stärker als die Spitze der Vorderfühler. Sie können sich sehr verkürzen, und ihre Basis in den Kopf niederziehen, so dass rundherum eine ringförmige Vertiefung ent- steht, aus der sich das quergerunzelte Fühlerende erhebt.

Die Augen sind bei den meisten Exemplaren äusserlich schwer zu bemerken; nur bei hellen, wenig gefleckten Thieren erscheinen sie als schwarze Punkte einwärts hinter den Hinterfühlern.

Die Radula hat nur eine einfache Reihe Mittelzähne; es kommen bis 30 vor.

Die Basis derselben ist ein Bogen, dessen Spannweite etwas mehr als die doppelte Höhe beträgt (Fig. 4, B.).

Die Krone besteht aus einem Halbkreis von Spitzen, deren Grösse nach den Seiten zu abnimmt (Fig. 4, K.). Sie sind gegen die Spitze zu flachgedrückt (Fig. 6, K.). Ihre Basen sind zu einer ge- wölbten Masse verschmolzen. Die Zahl der Kronenspitzen ist sehr verschieden; in den meisten Fällen waren 30 vorhanden; als niedrigste Anzahl beobachteten wir 26, als höchste 49. Irgend ein regelmässiger Fortschritt in dem Auftreten höherer Zahlen war nicht zu entdecken. So fanden wir einmal eine Krone mit 49 zwischen zwei Zähnen mit 27 und 31 Spitzen. Wir theilen dies mit, um auf die Unbeständigkeit der Zahlen in diesem Gebiete der thierischen Bildungen aufmerksam zu machen. Sie sind also nicht als Unterscheidungsmerkmale zu gebrauchen. ö

In die Aushöhlungen der Zahnbasen (Fig. 5, A.) dringen Falten der Radulahaut hinein, die bei günstiger Ablösung der Zähne ihre Form bewahren. Der ältere Zahn schiebt seine Basis unter die desnäch- sten jüngeren.

Der Kiefer ist eiförmig; der Fortsatz an der Mundseite desselben ist schmal und lang (Taf. II. Fig. 2, F.).

30 AEOLIDIDAE.

Der Rücken wölbt sich in der Herzgegend, etwas vor der Mitte des Körpers am höchsten. Hier tritt er oft buckelig in die Höhe (Fig. 3). Das Herz sieht man bei ruhenden Thieren darunter deutlich schlagen. Die Geschwindigkeit seiner Kontraktionen ist sehr verschieden. Eines unserer grössten ruhen- len Thiere machte in einer Minute #2, ein anderes, während es eine Actinie frass, 50, ein mittleres in der Ruhe 62 Herzschläge, ein drittes, mittelgrosses 53, gleich nachdem es aus dem Aquarium genom- men und in ein kleines Gefäss gelegt worden war, in welchem es langsam am Boden hinkroch.

Der Vorderrücken hat in der Mitte keine Papillen (Fig. 2, 3). Erst hinter dem Herzbuckel treten sie von beiden Seiten näher zusammen, bis sie endlich weiter hinten ganz zusammenstossen. Sie stehen in schrägen Querreihen, die von unten schräg auf- und hinterwärts gehen. Solche Reihen waren bei grossen Exemplaren bis 25 zu unterscheiden; kleinere haben weniger. Die Querreihen des Mittelkörpers haben 9—12 Papillen; die vorderen und hinteren Reihen weniger.

Die grössten Papillen erreichen die Länge der Hinterfühler. Die kleineren stehen am Seitenrande, vorn neben dem Kopfe und ganz hinten auf dem Rücken. Die meisten, besonders die grösseren sind ab- geplattet, und werden bei ruhiger Haltung der Länge nach, nach vorn konvex, nach hinten konkav gebogen (Fig. 6). Die Ränder sind abgerundet. Ein Querschnitt des unteren Theiles ist vorn konvex, hinten konkav, und seine Ränder sind verdickt und abgerundet (Fig. 6 rechts). Das Ende ist spindelförmig zugespitzt.

Bei lang ausgestreckt kriechenden Thieren decken sich die Papillenreihen ziemlich regelmässig dachziegelartig; bei ruhig sitzenden Thieren liegen sie gewöhnlich stark abgeplattet und gebogen dicht auf einander und bedecken die Mittellinie des Hinterrückens; bei Verkürzungen und Wendungen des Körpers heben sie sich locker von einander ab; bei unsanften Berührungen des Leibes werden sie nach allen Richtungen auseinander gesträubt.

Die Geschlechtsöffnung ist rechts, nahe hinter dem Kopfe unter den seitlichen Papillen auf einer runden Wulst.

Der Fuss ist breit, hinten spitz auslaufend und vorn gerade abgestutzt mit dreieckigen, spitzen, nur wenig unter den Papillen vortretenden Fusslappen (Fig. 4). Die Seitenränder desselben sind dünn und scharf, in ziemlicher Breite frei, und falten sich stark bei Krümmungen des Körpers.

Die Grundfarbe der meisten von uns beobachteten Exemplare war graubraun.

Unter der Lupe hat die Haut des Kopfes und Rückens einen gleichmässig braunrothen Grund, der bei hellen Exemplaren in Rosenroth überspielt. In diesen sind matt umber- oder violettbraune und glänzend gelbe Flecke von unbestimmter Begrenzung und verschiedener Ausdehnung eingestreut.

Die braunen Stellen verursacht ein feinkörniger Farbstoff, der, stark vergrössert, bei durchfallen- dem Lichte dunkelviolett erscheint. Er liegt entweder ganz zerstreut oder ordnet sich in marmorartige Linien und Flecke. Die gelben Stellen entstehen durch kugel- oder eiförmig zusammengehäuftes gelbes Pigment.

Auf dem Scheitel ist der Kopf gewöhnlich dicht kleinfleckig; die Stirn trägt oft einzelne grössere Flecken.

Die Vorderfühler sind entweder nur durchscheinend weissgelb, an der Spitze schwach schwe- felgelb, oder tragen auf diesem hellen Grunde noch einzelne oder zahlreiche braune Pünktchen.

Die Hinterfühler sind braunfleckig, ihre Spitze ist weissgelb punktirt.

Die freie Mitte des Rückens ist dunkler als die papillentragenden Seitentheile, das spitze Hinter- ende durchscheinend hell mit braunen Punkten.

Die Papillen sind gewöhnlich dunkler als alle anderen Theile gefärbt, braungrau, graubraun,

AEOLIS PAPILLOSA. 31

rothbraun bis dunkel braunviolett. Die dunklen Flecke auf ihnen stehen vorn auf der oberen Hälfte dichter als unten und hinten; die glänzenden weissgelben Flecke sind dagegen mehr gleichmässig vertheilt.

An der Spitze scheint der Nesselbeutel in unbestimmter Begrenzung weiss durch die Haut. Die Nesselkörperchen sind walzenförmig, an den Enden abgerundet, und liegen in verschiedener Anzahl in eiförmigen, seltener in kugelförmigen Zellen (Fig. 8). Bei den anderen Fadenschnecken haben wir immer eiförmige Nesselkörper gefunden.

Die Mundfläche und Fusssohle sind durchscheinend gelblich oder röthlich weiss (Fig. %). Um den Mund herum liegen bei Exemplaren, die bräunliche Vorderfühler haben, braune Punkte.

In der Haut liegen kugel- und eiförmige Schleimzellen.

Einige seit Mitte Januar 1863 im Aquarium lebenden Thiere legten im Februar Eier an die Glas- wand. Diese sind kugelförmig ; der Dotter ist weiss oder schwach röthlich. Sie bilden eine Schnur mit hohen und kurzen wellenförmigen Biegungen, die nicht in einer Ebene liegen, sondern in einer Cylinderfläche ge- krümmt sind, so dass sich die Wellenberge der Schnur nach einer Seite gegen einander neigen (Fig. 9. 10). Es kommen auch Schnüre vor, deren grosse Wellenbiegungen wieder aus ähnlichen kleinen bestehen. Die Schnur liegt in einem wasserklaren Schleimbande, dessen dünner freier Rand sich mitten durch die sebogene Wellenlinie hinzieht, wie die Achse durch einen Cylinder. Durch diesen Rand wird das ganze Band an Pflanzen, Steinen oder anderen Dingen befestigt. Am 15. März legte ein Exemplar eine Schnur in einer länglichen Spirale von 3 Windungen ab. Die letzte hatte 40 Mm. Durchmesser, ihre Wellen waren viel kleiner und weniger regelmässig als die ersten. Während der Ablegung dieser Eiermenge verstrichen über 8 Stunden. Am 2. Mai legte ein grosses Thier bald nachdem es in Gefangenschaft ge- kommen war eine Schnur, die, in ihren Krümmungen gelassen, 28 Cm. lang war, die aber, wenn man sie in eine gerade Linie ausgedehnt hätte, ungefähr IM. gemessen haben würde. Die Zahl ihrer Eier betrug wenigstens 60,000. Viele enthielten mehrere Dotter.

Aeolis papillosa lebt in der Kieler Bucht nur vereinzelt. Sie wurde im äusseren Theile derselben auf einer 9 Faden tiefen Stelle gefunden. Sie kriecht langsam und sitzt häufig still.

In der Ruhe hält sie sich verkürzt, zieht gewöhnlich die Hinterfühler nieder, und lässt die Papillen schlaff abgeplattet und gekrümmt über einander liegen.

Die Spitzen der Fusslappen und des Hinterkörpers treten nur unter den Papillen vor, wenn sie ausgestreckt kriecht. Wird sie auf den Rücken gelegt, so zieht sie die Fussränder dicht zusammen, kugelt sich wie ein Igel, und bedeckt selbst die Bauchseite mit Papillen.

An die Oberfläche, um zu schwimmen, geht sie seltener als andere Fadenschnecken.

Ihre Nahrung sind Thierstoffe; besonders liebt sie Actinien. Kleinere Exemplare der Actinia plu- mosa greift sie am Fussrande an, und frisst ein halbmondförmiges Loch hinein, das sie immer mehr ver- grössert. Endlich legt sie den ausgedehnten Mund um den ganzen Rest der Beute herum und vertilgt ihn allmälig ohne äusserlich sichtbare Schlingbewegungen.

Eines Nachmittags sass eine grosse Aeolis papillosa bei einer Actinia plumosa, die fast so dick wie sie selber war, und senkte ihren Mund in deren Fussrand ein. Sie hatte ihr Mahl noch nicht lange ange- fangen, so kroch eine zweite und endlich noch eine dritte heran, um Theil zu nehmen. Nach 4 Stunden war Alles verzehrt, und keine Spur mehr von der Actinie zu sehen.

Wir wissen von gesellig lebenden Säugethieren und Vögeln, dass sie sich gegenseitig Nachricht geben, wenn sie Nahrung gefunden haben, und schliessen auch aus der fortwährenden Zunahme von

herbeikommenden und sammelnden Bienen und Ameisen, nachdem nur erst eine die Speise gekostet hat,

32 AEOLIDIDAE.

dass sie fähig sind sich Mittheilungen zu machen. Das beschriebene Verhalten von Ae. papillosa und ein gleiches von Nassa reticulata lässt vermuthen, dass auch Schnecken aus der Ferne wahrnehmen können, ob eine von ihrer Art etwas Geniessbares gefunden hat. Vielleicht verrathen sie es ihren fernen Genossen durch den Speichel, welchen sie beim Fressen absondern.

Oft hatten Thiere, die wir zur Beobachtung aus dem Aquarium nahmen, kleine Actinien im Maule, die sie fahren liessen, aber bald wieder ergriffen. Beim Aufsuchen der entschlüpften Beute leisten die Vorderfühler gute Dienste, sie tasten hin und her, und zucken heftig zurück, wenn sie darauf stossen. Solche Zuckungen machen sie nicht, wenn sie auf eine andere Aeolidie oder auf den Boden des Gefässes stossen. Hatten die Fühler den Frass berührt, so stülpte sich der Mund alsbald darauf los.

In England hat sich Ae. papillosa nach Gosse’s Beobachtungen ebenfalls als Seerosenfresserin erwiesen, wie man bei Aıver et Hancock, Fam. 3. Pl. 9. und in A Naturalists’ Rambles on the Devonshire Coast by Gosse, p. 15—16 lesen kann.

Während des Frasses ist der Körper verkürzt und ruhet. Die Papillen sind gelockert, und man möchte sagen, behaglich gekrümmt.

An den Britischen Küsten sind grössere Exemplare vorgekommen, als wir bis jetzt gefunden haben, nämlich 4 und 4), Zoll englisch lang, wenn die Vorderfühler mit gemessen werden. Auch werden viel mehr Farbenverschiedenheiten, als unsere Thiere zeigten, von dort angeführt. Die gelbweissen Drei- ecke vor und hinter den Rückenfühlern, welche Arver et Hancock bei ihren Thieren abbilden und be- schreiben, hatte kein einziges der Kieler Exemplare.

Bei Helgoland wurden grosse weissgraue Exemplare gefangen, welche im März und April in dem Aquarium des hiesigen zoologischen Gartens Eier legten. Exemplare, die wir bei Fanö im kleinen Belt fingen, stimmten mit den Kielern überein.

Eine eingehende Kritik der Synonymie dieser Fadenschnecke würde viel mehr Raum und Zeit kosten, als zoologischen Gewinn bringen.

Liss& bezieht sich bei seinem Limazx papillosus, Syst. Nat. 12. ed. Vol. 1. p. 1082 auf Baster's »Doris spinis mollibus hirsuta« (Op. subs. Vol. I. p. S1. pl. 10. Fig. 1).

Die kurzen Diagnosen in ©. F. Mürrer’s Prodromus Zoot. dan. p. 229. Nr. 2775 und in der Zoo- logia danica IV. 32. sind völlig ungenügend zur Entscheidung, welche der Arten mit ähnlichem Habitus gemeint sei. Die Abbildung zu Doris papillosa in der Zool. dan. Tab. 149. Fig. 1—4. sind wir vielmehr für Ae. rufibranchialis Jonsst. zu halten geneigt.

O. F. Mirrer hält die Doris bodoensis Gunserus (Act. Soc. Hafn. X. p. 170.) identisch mit Doris papıllosa L.

Die übrigen Synonyme übergehen wir mit Stillschweigen, und verweisen Diejenigen, die sie zu studiren wünschen, auf ALver et Haxcocr’s Werk.

Mit der dort erschöpfend beschriebenen Ae. papillosa stimmt unser Thier specifisch überein. Dieser Nachweis ist für alle weiteren Untersuchungen und Vergleichungen der die Nordsee und Ostsee bewohnenden Individuen von grösserer Wichtigkeit, als die Zurückführung unserer Art auf all die anderen Synonyme.

In The Powers of the Creator II, p. 314 beschreibt Daryerr unter dem Namen Ae. papillosa die- selbe Species, die wir vor uns gehabt haben. Die beigefügten Abbildungen auf Pl. 45, Fig. 23>—27 sind

jedoch dem Stecher, wie es scheint aus Mangel an Verständiss, theilweis gänzlich missglückt.

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Erklärung der Abbildungen.

4. Umriss der natürlichen Grösse.

2. Eine kriechende Schnecke, von oben gesehen, 3mal vergrössert. 3. Dieselbe von der Seite.

4 Dieselbe von unten.

5. Ein Hinterfühler, 12mal vergrössert.

6. Rückenpapillen in verschiedenen Ansichten; die linke von oben, die mittlere von der Seite und unten, die rechte von unten. Neben dieser ist ein Querschnitt.

7. Das Innere einer Papille. Oben ist der geöffnete Nesselbeutel, unter ihm die Lebermasse.

8. Nesselkörperzellen und einzelne Nesselkörper, theils mit noch eingeschlossenen, theils mit aus- gestossenen Nesselfäden, deren unteres Ende spiralgestellte Härchen trägt, 500mal vergrössert.

9. Ein Stück Eierschnur in natürlicher Grösse.

10. Schematisches, regelmässiges Bild der Eierschnurwindungen.

Die Mundtheile sind auf der zweiten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

Meyer & Möbius Fauna d. Kieler Bucht

ABOLIS PABILLOSA.

AEOLIS EXIGUA. 35

Aeolis exigua Arver et Hancock.

Ae. isabellina pellucida juniori statu fusco- vel olivaceo-maculata. Tentacula anteriora subeylindra- cea, poslerioribus subconoideis tenworibusque breviora. Papillae dorsales fusiformes vel clavatae sub apice annulo pellucido, in seriebus digestae. Anguli pedis breves obtusi.

Die kleine Fadenschnecke.

Sie erreicht bis 21 Mm. Länge und 2—3 Mm. Sohlenbreite.

Der Kopf ist vorn abgerundet, nach den Hinterfühlern hin aufsteigend (Fig. 2. 3). Die Fuss- lappen sind stumpf und treten wenig vor (Fig. 3). Das Schwanzende ist verschmälert, die Spitze desselben abgerundet oder gerade abgestutzt (Fig 2. 3).

Die Vorderfühler sind eben so lang oder ein wenig länger, als der Kopf breit ist, walzen- förmig und nur im gestreckten Zustande etwas konisch, und halten sich gewöhnlich schräg vor- und aus- wärts. Die Hinterfühler sind konisch zugespitzt und 1Y, bis 2mal so lang, als die vorderen. Sie stehen in die Höhe und divergiren nach aussen. Unmittelbar hinter ihrer Basis liegen die Augen (Fig. 2).

Die Radula hat folgende Formel: 1. 1. ı;.d.i.: I Mittelzahn und jederseits 1 Seitenzahn (Taf. II. Fig. 3). Wir beobachteten bis 45 Glieder.

Die Basis des Mittelzahnes ist ein Rundbogen, dessen Ausschnitt etwas höher als breit ist (Taf II. Fig. 5 B.). An der unteren, aufgewachsenen Seite (Fig. 6, A.) rückt die Bogengränze näher nach der Krone hin. Die untere Abtheilung des Ausschnittes wird durch eine schwache Erhöhung von der oberen getrennt (Fig. 7).

Die Krone des Mittelzahnes ist dreieckig, hat eine weit vorragende Mittelspitze und 3— 5 Seiten- spitzen, die nach oben und unten hin kleiner werden (Fig. —6, K.). Alle diese Spitzen neigen sich etwas nach unten, am meisten die mittlere (Fig. &, K.).

Die Seitenzähne sind ungleichseitig dreieckige Platten, deren kleinste Seite gegen die Mitte hin gekehrt ist (Fig. 3. 8).

Einigemal fanden sich abgefallene Zähne vor der Radula (Fig. 2, Z.), jedoch in geringerer Zahl, als bei Pontolimax und Elysia.

Der Kiefer hat einen lang eiförmigen Umriss (Fig. 2, K.), ist am Schloss wulstig verdickt, und hat unter der Mundöffnung einen schmalen, gezähnelten Fortsatz (Fig. 2, F.).

Die Rückenpapillen erreichen bei grossen Thieren die Länge der Hinterfühler, sind spindel- förmig fein zugespitzt, und in der Mitte bis Amal so dick wie jene. Bei jüngeren Thieren sind sie fast

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5

36 AEOLIDIDAE.

eiförmig, und verhältnissmässig kürzer und dicker als bei älteren (Fig. 5 rechts), und stehen einzeln oder paarweis neben einander, während bei ausgewachsenen Exemplaren in den vorderen Reihen bis vier vor- kommen. In solchen steigt ihre Gesammtzahl auf 40—50.

Die Geschlechtsöffnung liegt rechts in der Gegend der dritten Papillenreihe. Kleine Exem- plare legen die Eier in nierenförmigen Klümpchen ab, die bis 2 Mm. Durchmesser haben, und 40—-60 Stück enthalten (Fig. 9. 10); ausgewachsene Thiere aber in spiralförmigen, 2 Mm. breiten Bändern von etwas mehr als einer Windung, die an ihrer engeren Kante fest hängen (Fig. 11). Innerhalb der Schleim- hülle liegen die länglichrunden Eier in einer engen, unregelmässigen Wellenlinie hinter einander.

Auf schwarzem Grunde sieht Aeolis exigua im Ganzen durchscheinend gelbgrau aus. Hinter- kopf und Magengegend sind undurchsichtig graugelb; die Lebermasse in den Papillen ist fahlgelb oder röthlichgelb. Junge Exemplare sind lebhafter rothgelb, als ältere, und fein braunfleckig und haben an den Fühlern dunkle Ringe und helle Spitzen. Weisspunktirt sind die oberen Theile der Fühler, die Pa- pillenspitzen nnd oft auch die Mittellinie des Schwanzes. Unter der Papillenspitze bilden diese weissen Punkte häufig einen Ring. Einzelne weisse Punkte sind über die ganze Papillenhaut zerstreuet.

Wir haben in allen Jahreszeiten Eier gefunden; die längeren Bänder wurden im Februar und März in den Aquarien gelegt.

Ae. ewigua pflegt sich im Aquarium meistens lange an einem Flecke zwischen Polypen, worauf sie ihre Nahrung zu finden scheint, aufzuhalten. Im warmen Zimmer hängt sie sich gern an der Ober- fläche auf. Auf den Rückenpapillen kann sie nicht kriechen, wie man früher geglaubt hat.

Sie wurde am meisten zwischen Tubularien, Campanularien und Sarsien, welche auf Muschel- pfählen, Fischkästen und Böten im inneren Theile der Bucht wachsen, gefunden. Da sie klein, und fahl gefärbt ist und sich bei Berührungen in ein unscheinbares Klümpchen zusammenzieht, so entgeht sie leicht dem Blicke des Suchenden.

Limax tergipes Forskau (Descriptiones Animalium 1775, p. 99) kann vielleicht eine junge Ae. exigua sein; denn es werden 12 umgekehrt eiförmige Papillen angegeben, auf welchen Forskar’n das Thier wie auf Füssen zu kriechen schien. Gueum (Syst. nat. Vermes 3105) nennt den Limax tergipes des ForskaL Doris lacinulata, ohne eine andere Beschreibung als Forskar zu geben. Lovax (Index molluscor., litora Scandin. oceid. habit. p. 7) nennt dieselbe Art Tergipes lacinulatus. Seine Beschreibung stimmt mit unserem Thiere mehr überein, als die Beschreibungen von Forskar und GweLın, was auch ALper und Hancock bemerken, die Loven’s Tergipes bullifer auf Forskar's Limax tergipes beziehen möchten. Dieser bullifer scheint eine junge Ae. exigua zu sein.

Keiner von diesen Autoren beschreibt so weit ausgebildete Thiere, wie wir sie vor unseren Augen in kleinen Behältern isolirt aus jungen Exemplaren im Verlaufe mehrerer Monate (vom November bis März und vom Februar bis April) heranwachsen sahen; dennoch glauben wir sicher zu sein, dass unsere Art die Ae. exigua von Aıver und Hancock ist, und können uns nicht entschliessen, statt dessen den älteren Namen lacinulata anzunehmen, da die mit demselben verbundenen, ungenügend kurzen Beschreibungen eben so gut auf verwandte andere Arten gedeutet werden könnten.

In Grossbritanien wurde Ae. exigua an der Küste von Cornwall (Ar. et Hasc.) und im Mersey (bei Liverpool) gefunden (Coruinewoon, Ann. of nat. hist. 1860. p. 202). Wir fingen sie im Mai 1863 auch im kleinen Belt, zwischen Fünen und Fänö.

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Erklärung der Abbildungen.

1. Umriss eines ausgebildeten Exemplars in natürlicher Grösse.

2. Ein solches, 12fach vergrössert, von oben. Man sieht die in die Rückenpapillen tretenden Zweige des Magenanhanges durchscheinen.

3. Ein gleiches Thier von unten. Auf der rechten Seite liegt die Geschlechtsöffnung in einer warzenförmigen Erhöhung unter der dritten Papillenreihe. Vorn scheint der Magen durch die Sohle, hinten die Ansätze der Papillen.

%. Die kriechende Schnecke von der Seite. 5. Papille eines jungen Thieres, 15mal vergrössert. 6. Papille eines ausgewachsenen Thieres, ebenso vergrössert.

7. Spitze einer 100fach vergrösserten Papille. Oben ist die Oeffnung, durch welche die Faden- zellen aus dem unter ihr liegenden Sacke treten. Die dunkeln (bei auffallendem Lichte weissen Flecke) verdecken den Verbindungskanal zwischen diesem Sack und dem Lebergang darunter. Am Rande sieht man die flimmertragende Oberhaut und innerhalb dieser Muskelfasern.

8. Hinterfühler eines jüngeren Thieres. 9. Nierenförmige Eiermasse eines kleinen Exemplars, in natürlicher Grösse. 10. Dieselbe I0fach vergrössert.

I1. Eierschnur eines erwachsenen Thieres, 2mal vergrössert.

Die Mundtheile sind auf der dritten der hinten angehängten Fafeln abgebildet.

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Meyer & Möbrus Fauna d. Kieler Bucht H.Froncke ad nat. pinx et]

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AEOLIS RUFIBRANCHIALIS. 39

Aeolis rufibranchialis Jouxsrox.

Ae. eburneo-alba, elongata. Papillae dorsales subeylindraceae, intus testaceae, sub apice pellucido annulo niveo, medium dorsum non tegentes. Tentacula posteriora acuminata, anterioribus paulo longiora

gracilioraque. Anguli anteriores pedis curli.

Die rothrückige Fadenschnecke.

Sie erreicht eine Länge von 35—40 Mm. Bei gewöhnlicher Haltung der Rückenfäden beträgt die obere Breite in der Magengegend ein Drittel der Länge; von dort verschmälert sich der Körper all- mälig, und läuft hinten in eine dünne Spitze aus (Fig.. 2—#). |

Der Kopf ist vorn abgerundet und etwas breiter als die halbe Breite der Magengegend.

Die Vorderfühler sind doppelt so lang wie der Kopf breit ist, kegelförmig, schwach unregel- mässig quer gerunzelt und gewöhnlich auswärts gebogen (Fig. 2. 3).

Die Hinterfühler sind ungefähr eben so lang, aber etwas dünner und feiner zugespitzt. Sie werden fast immer unregelmässig knieförmig getragen.

Die Augen liegen hinter der Basis der Hinterfühler, und scheinen für das blosse Auge als kaum sichtbare schwarze Punkte durch die Haut (Fig. 2).

Die Formel der Radula ist: 1.1.1; d.i.: ein Mittelzahn und jederseits ein Seitenzahn (Taf. II. Fig. 3). Gewöhnlich trägt sie 15 Glieder.

Die Basis des Mittelzahnes ist ein Rundbogen, dessen Höhe und Breite sich gleich sind. Unten rückt die Bogengränze näher an die Krone als oben (Taf. III. Fig. 5. 6). In der Bogenhöhlung, welche auf dem Zungenbande liegt, verläuft ein oberer und ein unterer Vorsprung (Fig. 6. 7).

Die Krone des Mittelzahnes ist dreieckig. Die Mittelspitze derselben ragt vor und ist doppelt so lang und dick wie die nächste Seitenspitze. Die Seitenspitzen verkleinern sich nach aussen hin (Fig. 5. 6). Alle Spitzen sind etwas nach unten gebogen (Fig. 4).

Der Seitenzahn ist schwach sensenförmig gebogen. Die Basis ist rechteckig; die Krone dreieckig und an der inneren Seite gezähnelt (Fig. 9 u. 10).

Die Kiefer sind kurz eiförmig und am Schlossrande wulstig verdickt; ihr Fortsatz ist gezähnelt (Fig. 2).

Die Rückenfäden sind walzlich, mit verdünntem, mehr oder weniger spitz auslaufendem Ende (Fig. 5 u. 6). Sie stehen so dicht hinter einander, dass gewöhnlich keine Büschel erscheinen. Nur in der Magengegend findet man bei manchen Exemplaren eine Absonderung der vorderen von den folgenden. Am Rande stehen die kürzesten. Die Mitte des Rückens trägt keine Fäden, und wird auch nicht von den an den Seiten wachsenden bedeckt (Fig. 2). Ihre Zahl steigt mit dem Alter. Eines unserer grössten

Exemplare hatte 120 Rückenfäden in 37 Querreihen auf jeder Seite.

40 AEOLIDIDAE.

Die Geschlechtsöffnung liegt rechts, ungefähr eine Fühlerläinge vom Kopfe entfernt, der After mehr als doppelt so weit dahinter, dicht unter den Rückenfäden (Fig. #).

Der Fuss ist schmal und scharfkantig. Die Fusslappen sind kurz, und treten kaum eine halbe Kopfbreite weit hervor. Gewöhnlich halten sie sich gefurcht und hinterwärts gebogen (Fig. 3).

Die Grundfarbe ist ein durchscheinendes Weiss, der Kopf und die Hinterfühler sind gelb- lich weiss, die Vorderfühler weiss. Auf den Fühlern sind schneeweisse Pünktchen zerstreut. Solche ordnen sich auf der Firste des Hinterrückens in eine Linie.

Die Lebermasse der Rückenfäden ist braungelb, ziegelroth bis zinnoberroth. Ueber der- selben ist ein schneeweisser Ring. Die Papillenspitze ist fast farblos.

Der Fuss ist durchscheinend weiss.

Aeolis rufibranchialis lebt mit Ae. Drummondiü auf Muschelpfählen, Seegras und Tangen von zehn Faden Tiefe bis zur Oberfläche des Wassers herauf, aber ist lange nicht so zahlreich wie diese in der Bucht vertreten.

Im Aquarium konnten wir sie niemals so lange wie Ae. Drummondiüi erhalten. Ihre Vorderfühler sind nur ungefähr halb so lang als bei Drummonv’s Fadenschnecke, und halten sich schwach knieförmig gebogen, während diese die ihrigen schneckenförmig krümmt. Ihr Fuss ist höher, die Sohle schmäler. Die Rückenfäden sondern sich nicht in Büschel, sind gewöhnlich viel kürzer und lassen den Rücken frei.

An diesen Eigenschaften ist Ae. rufibranchialis schon im Netze von Ae. Drummondi zu unter- scheiden. Denn während diese sich zusammengezogen mit ihren überfallenden Papillen (wie ein Igel mit seinen Rückenstacheln) gänzlich bedeckt, kann jene weder Rücken noch Fuss darunter verbergen.

Die Farbe des Fusses ist mehr weiss als röthlichweiss, wie bei Drumnonv’s Fadenschnecke, und der Kopf gelbweiss statt rosenroth. Die Zunge hat Seitenzähne, welche bei Ae. Drummondii fehlen.

Die Art Ae. rufibranchialıs stellte Jonsston in Loud. Mag. nat. hist. Vol. V. p. 428 auf. Aıper und Hancock bilden sie in Fam. 3. Pl. 1%. ihrer Brit. Nud. ab. Ihre Form ist schmaler und erreicht nicht die Grösse der Kieler. Sie führen an, dass sich die Papillen in undeutliche Büschel sondern, und finden deut- lichere Querrunzeln an den Hinterfühlern, als unsere Thiere haben. Wir halten jedoch diese Abweichun- gen nicht für hinreichend zur Begründung einer specifischen Verschiedenheit beider.

Nach Forges und Hanıey (Brit. Moll. III. p. 593.) ist diese Fadenschnecke an den Küsten von Schottland und England und in der irischen See verbreitet. Nach Corımewoon (Ann. of nat. hist. A860. p. 196) ist sie im Mersey und Dee nicht selten. Wir fischten sie im Mai 1863 im kleinen Belt auf 44 Faden Tiefe.

Aeolis rufibranchialis.

Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht.

Erklärung der Abbildungen.

1. Natürliche Grösse eines grossen Exemplars.

2. Dasselbe Amal vergrössert, von oben gesehen.

3. Ein kleineres Exemplar mit kürzeren Papillen von unten, 4mal vergrössert.

4. Ein grosses kriechendes Exemplar von der Seite. Man bemerkt die Geschlechts- und After- öffnung.

5. Ein langer Rückenfaden, 20mal vergrössert. Oben ist der Beutel der Fadenzellen, darunter

ein Ring weisser Flecke. Den grössten Raum im Innern nimmt die rothe Lebermasse ein.

6. Ein kürzerer, stumpfer Rückenfaden, 20mal vergrössert.

7. Ein Läppchen der Lebermasse aus einem Rückenfaden, 300mal vergrössert. Es ist mit einer dünnen Wimperhaut überzogen und mit kugelförmigen Zellen gefüllt.

8. Zwei solche Zellen mit Fettkügelchen im Innern, 400mal vergrössert.

9. Neben- und übereinander liegende Zellen der Oberhaut eines Rückenfadens mit Flimmerwim- pern, 300mal vergrössert.

10. Zellen der Oberhaut von dem hinteren Fussende, 300mal vergrössert.

I1. Fadenzelle mit dem durchscheinenden spiralig zusammengerollten Faden, 500mal vergrössert.

12. Fadenzelle mit ausgestossenem Faden. Das angewachsene Ende mit spiral gestellten

Wimpern besetzt, was an der noch mehr vergrösserten Zeichnung daneben deutlicher wird.

Die Mundtheile sind auf der dritten der hinten angehängten Tafeln abgebildet.

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AEOLIS RUFIBRANCHIALIS

DENDRONOTUS ARBORESCENS 43

Dendronotus AH.

devögov Baum; voros Rücken. Aıver et Hancock, Brit. Nudibr. 1845.

. Der Körper ist verlängert, zusammengedrückt und mantellos. Der Kopf trägt am Vorderrande baumförmige Anhänge (Schleier) und an seiner Rückenfläche zwei geringelte Fühler auf baumförmigen Stielen, in die sie eingezogen werden können. Der Mund enthält zwei Kiefer und eine Radula, deren Glieder aus einem Mittelzahne und mehreren Seitenzähnen bestehen. Auf dem Rücken sind symmetrisch geordnete, baumförmige Anhänge. Der Fuss ist schmal und kielförmig. Die Geschlechts- und Afteröffnung liegen an der rechten Seite.

Dendronotus arborescens Mir...

D. carneus, fusco - flavoque maculosus. Velum T—9, dorsum I0—1% arboribus ornalum.

Die gemeine Bäumehenschnecke.

Die gemeine Bäumchenschnecke wurde bis zu einer Länge von 35 Mm. beobachtet. Die grösste Höhe (gegen '/, der Länge) hat sie ungefähr zwischen dem ersten und zweiten Drittel des Körpers, der vorn abgerundet ist, und nach hinten allmälig in eine dünne Spitze ausläuft.

Der Kopf verfliesst oben mit dem Rücken, ist aber unten deutlich vom Fusse getrennt (Fig. 3). Er steigt vom Vorderrande ziemlich steil bis zu den Fühlerstämmen in die Höhe (Fig. 4).

Nahe über seinem Vorderrande steht ein Halbkreis von 7—9 Bäumchen, wovon die beiden mitt- leren am längsten sind, und bei grösseren Thieren zwei kleinere vor sich haben. Die Fühler (Fig. 6 stehen an den hinteren Ecken des Kopfes. Sie bestehen aus einem walzen- oder etwas kegelförmigen Stamme, der unten gewöhnlich einen kleinen auswärts gewandten Zweig treibt, und sich oben in einen Kreis von 5 Aesten theilt, zwischen welchen sich der ringfaltige, in den Stamm zurückziehbare Fühlerkegel erhebt. Dieser ist nur ganz unten glatt, und trägt bis 12 ringförmige Falten von ungleicher Entwickelung. welche von vorn schräg nach hinten abwärts laufen. Aus der obersten Ringfalte tritt ein kurzes abge- stumpftes kegelförmiges Endstück hervor.

Das Auge hat den Bau der Aeolidienaugen, ist aber verhältnissmässig kleiner. Wir sahen es nur bei sehr hellen Exemplaren seitlich unter der Basis des Fühlers durch die Haut scheinen.

Der Mund öffnet sich an der Unterfläche des Kopfes als eine mit Falten umgebene Spalte (Fig. 3). 6*

44 AEOLIDIDAE.

Die Formel der Radula ist: 10-.1.- 10; d. i.: ein Mittelzahn und bis 10 Seitenzähne (Taf. II. Fig. 3). Zehn war die höchste Zahl der Seitenzähne; wir haben jedoch auf manchen Zungen auch nur 9 gefunden. Die Radula eines grösseren Exemplars trug 44 Glieder.

Die Basis des Mittelzahnes ist sehr flach ausgeschnitten (Taf. II. Fig. 5 u. 6). Die äusseren Ränder sind wulstig verdickt, der Mitteltheil zwischen ihnen ist bikonkav. Der Ansatztheil ist wulstig ab- gerundet (Fig. % u. 6). Die Krone ist dreieckig, hat eine grössere Mittelspitze und 9—1% kleinere Sei- tenspitzen (Fig. 5 u. 6).

Die Langseiten der Seitenzähne sind ganzrandig und fast parallel. Die Basis ist rechteckig, die Krone dreieckig zugespitzt und an der inneren Seite gezähnelt. Die Endspitzen der beiden inneren Seitenzähne sind etwas kürzer als die der folgenden; das ist das einzige Merkmal, wornach sie als Zwischenzähne unterschieden werden könnten. Der äusserste Seitenzahn hat gewöhnlich eine stumpfe ungezähnelte Krone.

Die Mundmasse (Taf. III. Fig. S) ist eiförmig, an der Unterseite durch eine Längsfurche sym- metrisch getheilt, trägt vorn über dem Munde einen Fortsatz, hinter dem die Speiseröhre heraustritt (Fig. 8 u. 9, F.). Diese Form erhält sie durch die braunen Kiefer, an deren lang-eiförmigem Körper (Fig. 2, K.) vorn ein dreieckiger, hinterwärts gebogener Fortsatz entspringt. In Fig. 8, F. ist derselbe in seiner natürlichen Lage abgebildet; in Fig. 2, F. so, wie er unter einem Deckglase mit dem Körper des Kiefers in einer Ebene liegt.

Die Lippe ist bedeckt von Längsmuskelfasern, welche aussen auf dem Kiefer hinauf und hinter- wärts ziehen. Zwischen den Kieferfortsätzen liegt ein kleiner Quermuskel (Fig. 9). Oben klaffen die Kiefer weit auseinander. Die Klaffung wird durch einen grossen Muskel gedeckt, dessen Fasern aus- wärts über die Kieferränder hinweggreifen (Fig. 9). Vorn besteht dieser aus einer oberflächlichen Schicht von Fasern, die schräg ein- und hinterwärts laufen; hinten aus schräg ein- und vorwärts gehenden Fasern, welche unter jener Schicht verlaufen. In der Mitte sind Querfasern. Innen, nahe am Hinterende des Kie- fers entspringt ein grosser Backenmuskel, dessen Fasern der Längsachse des Kiefers fast parallel ziehen (Fig. 10, B.). Sein freies Ende bedeckt eine derbe, braune Chitinhaut, die sich an der äusseren Seite von ihm ablöst und mit dem Kiefer verschmilzt (Fig. 10, H.). Sie bildet in der Höhlung zwischen beiden eine Falte, welche nachgiebig, den Verkürzungen des Muskels und den Biegungen des Kiefers folgen kann.

Ausser den Längsfasern, welche die Hauptmasse des Backenmuskels ausmachen, legt sich in der Mitte des Kiefers auch noch eine dünne Schicht Querfasern an dessen konkave Seite an.

"Der Radulaträger ist keilförmig (Fig. 10, T.). Er entspringt hinter den Backenmuskeln innen am Hinterende der Kiefer, und besteht aus einem Mittel- und zwei Seitentheilen. Die Seitentheile bestehen aus schräg einwärts aufsteigenden Fasern. Der Mitteltheil enthält die Radulascheide, aus der am vorderen freien Ende des Radulaträgers die Radula unbedeckt heraustritt, und sich gegen den Mund zu nach unten umschlägt. Dieses freie Angriflsende der Radula bildet mit dem jüngeren, eingeschlossenen, höher liegenden Theile derselben einen spitzen Winkel, in dessen Spitze eine kleine Höhlung ist. Der grösste Theil dieses Winkelraumes wird aber von einer eiförmigen Masse kurzer, querer Muskelfasern ausgefüllt.

Die Bewegungen der Mundtheile mögen, ihrer Anordnung nach, in folgender Weise ge- schehen: Die Muskeln oben zwischen den Kiefern und deren Fortsätzen machen die Mundhöhle vorn weiter und drängen den Radulaträger nach unten. Die Backenmuskeln ziehen die hinteren Abtheilungen der Kiefer einwärts, und nähern den Zungenträger dem Munde, welchen die Längsfasern auf den Lippen öffnen.

Jetzt greift die Radula an und wird dann gehoben und zurückgezogen durch die Muskelfasern ihres Trä-

DENDRONOTUS ARBORESCENS. 45

gers, dessen Arbeit dadurch unterstützt wird, dass sich die Backenmuskeln wieder ausdehnen, und die elastischen Kiefer sich wieder strecken.

Der Rücken ist breiter als der Fuss, gegen welchen hinab sich die Seiten einwärts ziehen.

An den Seiten des Rückens stehen bei grossen Exemplaren 6, bei kleineren 5 Paar verzweigte Bäumcehen (Fig. %). Die zwei Paare des Mittelrückens sind am grössten ; ausgestreckt sind sie fast dop- pelt so lang wie die Höhe des Rückens misst, und treiben gewöhnlich an ihrer Basis einen starken Seiten-. ast nach aussen. Die folgenden Paare werden nach hinten zu immer kleiner. Hinter dem letzten Paare stehen oft noch ein oder zwei einzelne Bäumchen auf der Firste des Schwanzendes.

Die Aeste sind mit kegelförmigen, abgerundeten Zweigen besetzt, die gewöhnlich schräg aufwärts steigen (Fig. 5).

Gleich hinter dem ersten Paare der Rückenbäumchen ist eine mit hohen Warzen besetzte Stelle, Fig 7 ist die Darstellung eines solchen, besonders stark entwickelten Warzenhügels. Unter demselben liegt das Herz, das bei einem grossen, ruhig auf der Seite liegenden Thiere in einer Minute 76 Schläge that. Der Kopf, der ganze Rücken und die Seiten des Körpers tragen zerstreute, kegelförmige Warzen von verschiedener Grösse.

Die Geschlechtsöffnungen liegen an der rechten Seite, unter und etwas vor dem ersten Rückenbäumchen. Die Vulva öffnet sich nahe hinter dem Penis, der, hervorgetreten, 3—4 Mm. lang, kegelförmig und durchscheinend weiss ist. Er biegt sich gewöhnlich auf- und hinterwärts. Seine Basis ist wulstig, der Endtheil ist konisch.

Der Fuss ist schmaler als der Rücken, und beim Kriechen auf ebenem Boden vorn gerade abge- stutzt (Fig. 3). Seine Vorderecken sind abgerundet; der Mitteltheil ist fast parallelrandig; das Hinterende allmälig bis zu einer Spitze verschmälert; seine Seitenkanten ziehen sich oft so eng an einander, dass der Fuss als ein scharfer Kiel erscheint.

Die gewöhnliche Grundfarbe erwachsener Thiere ist fleischroth mit matt braunen oder braun- rothen und weissgelben oder weissen, glänzenden Flecken. Die braunen Flecke sind auf dem Rücken dichter und grösser als an den Seiten. Der Stamm der Bäumchen ist dunkler gefleckt als die Zweige, deren Spitzen häufig nur durchscheinend fleischfarbig sind.

Die ringfaltige Fühlerkeule ist fast immer dunkler als der Fühlerstamm. An den braunen Stellen enthält die Unterhaut einen braunen Farbstoff in rundlichen oder verzweigten Zellen. Die gelb- weissen Stellen entstehen durch rundliche Haufen sehr kleiner, das Licht stark brechender Kügelchen, die Molekularbewegungen machen. Sie werden durch eine diekflüssige Masse zusammengehalten, die wäh- rend der mikroskopischen Betrachtung durch geringen Druck andere Formen anzunehmen, und sich mit Nachbarmassen zu vereinigen veranlasst werden kann.

Die Sohle und die Mundfläche sind durchscheinend hell fleischfarbig und fleckenlos. Zuweilen kommen fast farblose Exemplare vor, in deren Rückenbäumchen die Zweige der Lebermasse bleich braun- gelb erkennbar sind.

Flimmerwimpern trägt nur die Oberhaut der geringelten Fühlerkeulen. Wir sahen an den Spitzen frisch abgeschnittener Bäumchen wohl einzelne Wimpern, aber niemals Flimmerbewegung.

Die Eier sind fleischroth und bilden eine Schnur, die in einer durchsichtigen farblosen Schleim- hülle liegt (Fig. 8). Die Schnur windet sich um Pflanzen oder wird an ebenen Flächen befestigt. Zu-

weilen macht sie ein bis zwei regelmässige Spiralgänge, nimmt aber dann einen entgegengesetzten Lauf.

46 AEOLIDIDAE.

Die Windungen der Schnur sind an der Schleimhülle so befestigt, dass deren Rand sich wie eine Achse durch jene hindurchzieht.

Im Januar fingen wir Thiere, deren Eierstöcke voll Eier waren, die im Februar in den Aquarien abgelegt wurden. Eine 19 Cm. lange Schnur enthielt, da auf I Mm. durchschnittlich 87 kamen, im Ganzen 16,000 Eier.

Die schlanke Körperform, die zarten, leicht schwankenden Bäumchen auf dem Rücken, die milde Färbung und die leichten anschmiegenden Bewegungen machen die Bäumchenschnecke zu einem der reizendsten Seethiere.

Im Aquarium kriecht sie gern auf dünnen Algen einher, um deren Zweige sie ihren Fuss herum- legt. Oft geht sie bis an die äusserste Spitze hinaus, hebt den freien Vorderkörper in die Höhe und wendet ihn, wie eine Spannraupe, bald nach der einen, und bald nach der anderen Seite, um nach einem festen Gegenstande zu suchen, worauf sie ihren Weg fortsetzen kann.

Man sieht die Bäumchenschnecken seltener als andere Nacktkiemer an der Aquarienwand ruhig sitzen. Dann halten sie sich nur mit schmaler Fussleiste fest und lehnen sich mit einer Seite gegen die Wand. Schwimmen sie an der Oberfläche, so nimmt der Fuss bald seine grösste Breite an, bald nähern sich dessen Seitenkanten einander, und die Sohle bildet eine Furche. Beim Schwimmen hängen die Rückenbäumchen schräg auswärts nach unten; kriecht die Schnecke mit gestrecktem Körper gerade aus, so neigen sie sich leicht hinterwärts; windet sich der Leib, so treten sie nach allen Richtungen aus- einander (Fig. 2).

Die Fühlerkeulen können vor- und rückwärtsgebogen oder ganz eingezogen werden.

Die Bäumchen des Schleiers strahlen meistentheils horizontal um den Vorderkopf aus.

Dendronotus arborescens wird häufig auf den Bäumen, die zur Miessmuschelzucht im inneren Theile der Bucht aufgestellt sind, angetroffen. Wir fingen ihn im Winter am häufigsten.

Er hält sich gut in Aquarien, die mit verfaulenden und frischen Pflanzen gefüllt sind, auf welchen

er zu ruhen und zu kriechen pflegt.

O. F. Mürrer beschrieb die Bäumchenschnecke in senem Prodromus Zool. danicae p. 229. unter dem Namen Doris arborescens mit folgenden Worten: »Tentaculis ramosıs, dorso gıbbo fruticante.«

Cvvier nannte sie Trilonia arborescens (Ann. du Mus. VI, %3%).

Aıper und Haxcocex bilden sie in ihrem Werke über Brit. Nudibr. Moll. Fam. 3. Pl. 3 ab.

Darveır beschreibt sie in The Powers of the Creator 11. p. 282 unter dem Namen Tritonia cervina und bildet sie daselbst Pl. 40 ab.

Die Abbildung von Arver und Hancock stellt sie braun und hell marmorirt dar. In solcher Fär- bung haben wir sie bei Kiel niemals gefunden und auch von geringerer Grösse, als sie an den britischen Küsten vorkommt, wo sie 50 Mm. lang wird, also um 15 Mm. länger als unsere grössten.

Die Bäumchenschnecke hat eine weite Verbreitung. Sie lebt an den meisten Punkten der britischen Küsten, in der Laminarien- und Corallinenregion. Im Norden ist sie daselbst häufiger als südwärts. An der Küste Skandinaviens ist sie vom Kattegat bis nach Finmarken beobachtet (Loven, Index Moll. 6.). Wir fischten im kleinen Belt zwischen Fünen und Fänö, wo ein starker Strom geht, umbrabraune, marmorirte Exemplare, die in ihrer Farbe den britischen viel ähnlicher sind, als die Kieler Bäumchenschnecke.

Dr. Grant erzählt, dass Dendronotus arborescens schwache Töne hervorbringen könne (Edinbourgh

DENDRONOTUS ARBORESCENS. 47

Phil. Journ. XIV. p. 186. nach Jounstox’s Konchyliologie übers. von Broxs S. 195, und in einem Briefe von Graxt in Texsent’s Natur. hist. of Geylon p. 401). Wir haben an unseren Thieren niemals irgend ein Geräusch vernommen, obwohl wir sehr viele, um sie zu beobachten und zu zeichnen, im Seewasser in unserer Nähe gehabt haben. Jedenfalls verdient diese Sache die volle Aufmerksamkeit der Zoologen. Aıver und Hancock hörten auch Töne bei Aeolis punctata, wenn sie ihre Beute angriff und oft auch zu anderen Zeiten. Diese Autoren sind ebenso wie Grant geneigt, die Kiefer für die Werkzeuge dieser Töne zu halten. Dass sie dabei als schwingende Platten wirken sollten, ist aus physikalischen Gründen nicht. gut annehmbar.

Dendronotus arborescens.

Erklärung der Abbildungen.

1. Umriss der natürlichen Grösse. 2. Eine auf Seegras kriechende Schnecke, 3mal vergrössert.

3. Eine an der Oberfläche des Wassers schwimmende Schnecke, von der Bauchseite gesehen, 3mal vergrössert.

4. Dieselbe kriechend von der rechten Seite, wo man vorn unter dem ersten Rickenbäumcehen die Geschlechtsöffnung sieht.

5. Ein Rückenbäumchen, 10mal vergrössert.

6. Der Fühler, i0mal vergrössert.

7. Der Warzenbuckel über dem Herzen s. S. 45).

8. Eine Eierschnur, um eine Alge geschlungen, in natürlicher Grösse.

9. Ein Stückchen derselben, vergrössert.

Die Mundtheile sind auf der dritten der angehängten Tafeln abgebildet.

Meyer &.Möbius Fauna d. Kieler Bucht

DENDRONOTUS. ARBORESCENS

N, Francke ad nat. pinx et lith

DORIDIDAE. POLYCERA OCELLATA. 49

4. Familie: Dorididae.

Die Kiemen sind federförmig und stehen um den After herum, der in der Mitte des Hinter- rückens liest. Der Mund enthält zwei Kiefer und eine Radula mit mehrzähnigen Gliedern.

Polycera CuviEr.

molvs viel; zeoe@s Horn.

Der Körper ist gestreckt, vorn abgerundet und hinten zugespitzt. Die Seiten steigen ziemlich steil in die Höhe.

Der Rücken ist ungefähr in der Mitte am höchsten gewölbt.

Der Fuss ist flach und grösstentheils parallelrandig.

Auf dem Kopfe stehen zwei keulenförmige, oben geringelte Fühler.

Der Mund enthält zwei Kiefer. Die Radula trägt keine Mittelzähne, aber verschiedene Formen von Seitenzähnen.

Die Geschlechtsöffnung liegt an der rechten Seite des Vorderkörpers.

Der Mantel ist nur wenig entwickelt als Hautkamm am Vorder- und Seitenrande des Kopfes, an den Seiten des Vorderrückens und auf der Firste des Hinterrückens. Am Kopfe und neben den Kiemen trägt derselbe längere Warzen, die am Stirnrande wie Hörnchen vorspringen. Die langen Warzen

neben den Kiemen haben den Namen Kiemenanhänge (Appendices branchiarum) erhalten.

Polycera ocellata AH.

P. olivacea, tuberculis obsita flavis, in fronte et lateribus dorsi dispositis in seriebus. Tentacula clavata bası conoidea. Branchia quinque, bi-Iripinnala, lobulis obtusis. Appendices branchiarum

obtuso-lobatae, albidae. Die gefleckte Hörnchenschnecke.

Sie erreicht 23 Mm. Länge und wird ein Viertel so breit und hoch.

Die Seiten des kriechenden Thieres laufen bis in die Kiemengegend hin fast parallel. Der Hinter- körper spitzt sich allmälıg zu (Fig. 2. 3. 5).

Die Sohle ist schmaler als der Rumpf, und verbreitert sich vorn zu stumpfen Seitenlappen (Fig. 3).

Der Kopf ist vorn abgerundet, hat unten an den Hinterecken einen Lappen und trägt einen mehr 9)

oder weniger entwickelten Stirnkamm mit 12—16 Warzen von ungleicher Grösse (Fig. 2). Meyer und Möbius, Hinterkiemer der Kieler Bucht. 7

50 DORNIDIDAE.

Die Fühler können so weit zurückgezogen werden, dass nur noch die Spitzen in.einem Grüb- chen sichtbar bleiben. Ihr Untertheil ist konisch (Fig. 7); der etwas